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Sich vom Schamgefühl nicht ausbremsen lassen

Foto: apeyron via iStock

Benjamin Harrant

leidet an einer neurogenen Blasenfunktionsstörung

Probleme beim Urinieren führen oftmals zu großen Belastungen für Menschen mit Querschnittslähmung. Benjamin Harrant erklärt, was seinen Alltag erleichtert hat.

Wie kam es zu Ihrer Querschnittslähmung?

Mir ist irgendwann alles zu viel geworden. Ich hatte Schulden, dann gab es Streitigkeiten in der Familie, und im Beruf ist es auch nicht so gut gelaufen. Da habe ich dann einen Suizidversuch unternommen und bin von einer Aussichtswarte gesprungen. Ich habe Gott sei Dank überlebt – mit ein paar Folgen, die ich aber ganz gut meistere. Im Nachhinein wurde dann eine bipolar-affektive Erkrankung festgestellt. Mittlerweile bin ich ganz gut auf diese eingestellt.

Was ist Ihnen dann im Krankenhaus durch den Kopf gegangen?

Das Erste, woran man dann natürlich denkt, ist: Kann ich gehen oder nicht? An die Schwierigkeiten mit dem Stuhlgang und dem Urinieren, an das denkt man am Anfang gar nicht. Das beginnt man erst nach und nach zu realisieren – wenn man dann feststellt, dass man schon wieder Harn verloren hat.

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Wie sind Sie damit umgegangen?

Anfangs habe ich das in Kauf genommen und mich auch nicht getraut zu sagen, dass es da ein Problem gibt, und habe so getan, als würde eh alles funktionieren. Ich habe, aus heutiger Sicht leider, die Reha abgebrochen, weil ich unbedingt in den Beruf zurückwollte. Das war dann aber doch oft frustrierend. Wenn ich unterwegs war, mich sportlich betätigt habe oder einfach nur niesen oder lachen musste, habe ich Harn verloren. Ich war in dieser Situation dann auch immer hilflos und habe nicht gewusst, was ich jetzt tun soll. Ob ich es zum Beispiel im Beruf jemandem sagen soll, damit ich nach Hause gehen kann.

Wie sind Sie dann zu einer für Sie praktikablen Lösung gekommen?

Ich habe anfangs mit einer Bauchpresse entleert. Das war mir aber dann zu anstrengend. Im Rahmen meiner zweiten Reha im Jahr 2014 ist dann auch bei der Video-Urodynamik-Untersuchung festgestellt worden, dass sich der Urin beim Pressen zur linken Niere zurückstaut. Dann war auch klar, dass es nur mehr einen Weg gibt: den Katheter. Hätte ich die Erst-Reha komplett durchgeführt, hätte ich da sicher schneller eine bessere Lösung gefunden.

War der Umgang mit dem Katheter ungewohnt?

Ich habe das gelernt und dann auch gleich selbst gemacht. Das hat man schnell heraus. Das war für mich eine gute Lösung und das Katheterisieren war gar kein Problem. Ich habe dabei auch nichts gespürt. Ich habe das so fünf bis sechs Mal am Tag gemacht, immer zu fixen Uhrzeiten.

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Sie haben aber zusätzlich zum Selbstkatheter noch eine andere Maßnahme ergriffen …

Ich habe trotz des Katheters noch immer ein bisschen verloren. Darum habe ich seit 2016 einen künstlichen Schließmuskel. Im Großen und Ganzen komme ich damit aber den gesamten Tag über sehr gut durch. Ich kann eigentlich sagen, ich verliere jetzt nichts mehr – wenn, dann nur minimal. Zur Sicherheit habe ich aber noch immer eine kleine Einlage drin – nur für den Fall. Nachdem ich dann Probleme mit Harnwegsinfekten hatte, habe ich mich für einen suprapubischen Katheter entschieden.
Ich habe auch mehr Katheter gebraucht, als die Krankenkasse bezahlt hat – man bekommt nur ein paar Packungen und den Rest muss man dann selbst kaufen. Meiner Meinung nach ist der Richtsatz viel zu gering. Mit dem Bauchdeckenkatheter komme ich jetzt gut zurecht.

Was würden Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Auf jeden Fall sollte man zum Arzt gehen und das offen ansprechen und sich nicht dafür schämen. Das ist ganz einfach so und da gibt es nichts, was einem peinlich sein müsste. Ich bin dann schließlich in ein Beckenbodenzentrum gekommen. Die waren sehr lieb und kompetent dort, und das hat mir wirklich sehr weitergeholfen. Das war eine große Erleichterung für mich.

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