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Kindergesundheit

Kinder haben wenig Zeit

Foto: Monkey Business Images via Shutterstock

Mag.a Dr.in Caroline Culen

Klinische- und Gesundheitspsychologin Geschäftsführerin Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit

Wir müssen uns beeilen, wenn wir Kindern und Jugendlichen ein gesundes Aufwachsen ermöglichen wollen – sie werden schnell erwachsen.

Die letzten zwei Jahre der Corona-Pandemie haben unseren Blick auf Gesundheit auf den Kopf gestellt. Vielen Menschen, die Gesundheit und auch die Gesundheitsversorgung in Österreich für selbstverständlich genommen hatten, ist klar geworden: Gesundheit ist ein hohes Gut, das es zu schützen und zu pflegen gilt. Gesundheit steht nicht nur für körperliches, sondern auch für seelisches und soziales Wohlbefinden (gemäß der Definition der WHO). Und es hat sich gezeigt, wie stark die Gesundheit und die Gesundheitsversorgung von Kindern und Jugendlichen in den letzten zwei Jahren gelitten haben: Vorsorgeuntersuchungen bei Kinderärzt:innen wurden ausgelassen, Impftermine nicht eingehalten, Therapie- und Förderangebote abgesagt, Kontrolluntersuchungen für chronisch kranke Kinder und Jugendliche verschoben, Bewegung wurde weniger, Gewicht dafür mehr. Gleichzeitig ist die Psyche der jungen Menschen extrem belastet. Kinder und Jugendliche reagieren unter anderem mit Schlafstörungen, Ängsten, depressiver Symptomatik, Essstörungen oder selbstschädigendem Verhalten auf die pandemische Situation. Gesundheit hängt von vielen Faktoren ab. In Österreich gibt es die Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie des Sozialministeriums, die Kindergesundheitsstrategie der Sozialversicherung, aber auch nationale Aktionspläne zum Beispiel zu den Themen seltene Erkrankungen, Behinderung, Ernährung und Bewegung, die Kinder und Jugendliche mitdenken. Diese Strategien sind in die Jahre gekommen.

Es hat sich gezeigt, dass sich vieles ändern muss:

Das Thema der Impfrate war natürlich schon vor der Corona-Pandemie eine Herausforderung. Im europäischen Vergleich liegt die Durchimpfungsrate in Österreich unter dem Durchschnitt, und das, obwohl Schutzimpfungen die wirksamsten präventiven Maßnahmen sind, die der Medizin zur Verfügung stehen. Das Defizit in der Versorgung im Bereich der psychischen Gesundheit war auch schon vor der Pandemie bekannt. Mit der Verschärfung durch die Krisen der letzten zwei Jahre haben sich die Probleme vergrößert: Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind überfüllt, die Entwicklungsambulatorien haben extrem lange Wartelisten, niedergelassene Therapeut:innen und Psycholog:innen nehmen kaum mehr Patient:innen an. Es herrscht Umbruchstimmung. Die Strategien werden überarbeitet und sollen mit den Erfahrungen der letzten Jahre neu aufgesetzt werden. Die Weichen in eine moderne und chancengerechte Gesundheitsversorgung für alle Kinder und Jugendliche in Österreich müssen jetzt gestellt werden. Dem Mangel an Kinderärzt:innen muss entgegengewirkt und die Aufwertung der vielfältigen Gesundheitsberufe durchgesetzt werden. Es ist höchste Zeit, die Behandlung psychischer Erkrankungen für alle jungen Menschen kostenfrei und niederschwellig möglich zu machen. Kinder haben wenig Zeit. Sie werden schnell erwachsen. Die Entwicklungschancen auf dem Weg zu gesunden Erwachsenen müssen genützt werden.

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