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Wenn das Alter gerade Linien verzerrt

Senior caucasian woman having her eyes examined at the optician.Her head is placed in phoropter apparatus while middle aged male doctor is examining her retina. The woman has mid length yellow brown hair and wearing light breen blouse.
Senior caucasian woman having her eyes examined at the optician.Her head is placed in phoropter apparatus while middle aged male doctor is examining her retina. The woman has mid length yellow brown hair and wearing light breen blouse.
iStock/gilaxia

Prof. Dr. Stefan Sacu ist Spezialist für Makuladegenerationen. Im Interview erklärt er, wie man diese vor allem in Industrieländern häufiger auftretenden Augenerkrankungen erkennt und welche Therapiemöglichkeiten es dafür gibt.

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Prof. Dr. Stefan Sacu

Spezialist für Makulaerkrankungen und Leiter der Makulaambulanz an der Augenklinik der Medizinischen Universität Wien (AKH) © Foto: Sophie Menegaldo

Was versteht man unter einer feuchten, altersbedingten Makuladegeneration?

Bei der feuchten Form der altersbedingten Makuladegeneration bilden sich neue Blutgefäße, aus denen Flüssigkeiten austreten können. Diese Form macht 20 Prozent aller Makuladegenerationen aus und führt leider sehr schnell zu einer Sehverschlechterung. Es gibt im Übrigen auch eine trockene Form der Makuladegeneration, die viel häufiger auftritt und Drusenmakulopathie genannt wird. Im Spätstadium der trockenen Makuladegeneration können Sehzellen zugrunde gehen. Dieses Stadium wird auch als geographische Atrophie bezeichnet, weil die erkrankten Bezirke im Auge wie eine Landkarte aussehen.

Welche Symptome verspüren PatientInnen bei einer feuchten Makuladegeneration?

In der Frühphase haben PatientInnen nur Ablagerungen, die sie kaum bemerken. Wenn diese aber im Laufe des Alters stärker zunehmen und sich auch noch genau in der Mitte der Makula befinden, beginnen die PatientInnen verzerrt, verbogen und verschwommen zu sehen. Daher ist es so wichtig, dass PatientInnen auf entsprechende Anzeichen reagieren und regelmäßig zu Kontrollen gehen. Die Betroffenen können sich übrigens selbst mit dem sogenannten Amsler-Netz testen oder zu Hause eine bestimmte gleichbleibende Sehkontrolle festlegen und immer wieder überprüfen, ob es zu Verschlechterungen kommt. Wichtig ist dabei, die Augen einzeln zu prüfen.

Ist die Makuladegeneration auch ein zunehmendes Problem aufgrund unserer immer älter werdenden Bevölkerung?

Ja! Die Makuladegeneration kommt tatsächlich in Industrieländern häufiger vor – einerseits, weil die Menschen eine höhere Lebenserwartung haben, andererseits auch aufgrund des Lebensstils. Neben der Genetik stellt zum Beispiel auch Rauchen ein zusätzliches Risiko dar.

Welche präventiven Maßnahmen bzw. Therapien kennt die Medizin heute?

Für die trockene Makuladegeneration ist leider nur eine Prophylaxe möglich, die aus langjähriger Nahrungsmittelergänzung besteht und lediglich in ca. 35 Prozent der Fälle wirksam ist. Für die feuchte Makuladegeneration gibt es mittlerweile eine Behandlungsoption, die die Wachstumsfaktoren der Gefäßneubildungen hemmt. Diese Behandlung muss allerdings ein Leben lang und vor allem regelmäßig verabreicht werden. Je nach klinischem Befund betragen die Abstände etwa zwischen 4 und 12 Wochen.


Wie sieht diese Behandlungsoption genau aus?

Über eine sehr dünne Spritze werden Substanzen in den Glaskörperraum des Auges injiziert. Diese Injektion muss in einem bestimmten Abstand zur Hornhaut verabreicht werden, sodass die Netzhaut dabei nicht gefährdet wird. Die PatientInnen erhalten Tropfen, die den Eingriff schmerzlos machen, sowie eine antibakterielle  Desinfektion. Natürlich gibt es auch Risiken, aber grundsätzlich ist die Sicherheit der Behandlung sehr hoch. Wir führen hier am AKH jährlich mehr als 7.000 Injektionen durch. Die äußerst seltenen Komplikationen, die dabei auftreten können, können allerdings gut kontrolliert werden – auch weil PatientInnen ohnehin regelmäßig von uns betreut werden.

Ist es eine psychologische Herausforderung für PatientInnen, sich etwas in das Auge spritzen zu lassen?

Das Auge ist ein sehr sensibles Organ und die Vorstellung einer Injektion ist sicher eine erste Hürde. Aber wenn die PatientInnen die sehr guten Erfolgschancen sehen, wird es leichter.

Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten 10 bis 20 Jahren?

Im Vergleich zur Zeit vor 20 Jahren, als wir nur Laserbehandlungen durchführen konnten, sind wir heute schon sehr weit gekommen. Aber auch wenn wir vom Erfolg für PatientInnen sprechen, haben wir nach wie vor einige Probleme. Wir können das Imaging, also die Aufnahme und Diagnosemöglichkeit, noch weiter optimieren, um noch genauere Aufnahmen der Sehzellen machen zu können. Auch in der Behandlung der trockenen Makuladegeneration müssen wir noch Behandlungsoptionen entwickeln. Ich hoffe, dass das in 10 bis 20 Jahren gelöst sein wird. Immerhin bedeutet die Makuladegeneration für altersbedingt ohnehin schon abhängigere PatientInnen eine zusätzliche Einschränkung. Wir setzen hier große Hoffnungen in die Forschung!


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