Eine Million Menschen in Österreich leiden an Migräne. Viele davon nehmen keine (ausreichende) ärztliche Hilfe in Anspruch – häufig, weil sie überzeugt davon sind, es gäbe keine Hilfe gegen Migräne1. Das ist falsch! Lesen Sie hier, wie gut und nachhaltig moderne Migräneprophylaxe wirkt und wie viel Leid sich damit ersparen lässt.
Migräne ist viel mehr als Kopfweh
Es gibt mehr als 200 Kopfschmerzarten2 – Migräne ist die zweithäufigste3. Doch anders als dumpfe, leichte bis mittelstarke Spannungskopfschmerzen, die fast jeder Mensch kennt, fühlen sich Migränekopfschmerzen an wie Hammerschläge: starke, pulsierende, pochende Kopfschmerzen, die meist einseitig auftreten und durch körperliche Anstrengung verstärkt werden. Sie kommen anfallsartig und dauern typischerweise einige Stunden bis zu drei Tage. Übelkeit und Erbrechen sowie Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit gehen oftmals miteinher. Die einen erleben eine solche Migräneattacke einmal im Monat, die anderen mehrmals pro Woche.
Migräne kostet Lebensqualität und produktive Lebenszeit
Doch eine Migräne macht Betroffenen nicht nur während der Attacken schwer zu schaffen: Laut der Eurolight-Studie mit mehr als 6.000 Teilnehmer:innen in neun Ländern sind gut ein Viertel der Betroffenen auch zwischen Attacken nicht vollkommen symptomfrei und berichten von ihrer Angst vor der nächsten Attacke.4 Deren Unvorhersehbarkeit kann das soziale und berufliche Alltagsleben stark beeinträchtigen: Die Prüfung in der Schule, das wichtige berufliche Meeting, der Auftritt auf der Bühne oder die Familienfeier können von Migräneattacken schlagartig zunichte gemacht werden. Die Eurolight-Studie zeigte auch, dass fast ein Viertel der Menschen mit Migräne mehr als 10 Prozent ihrer produktiven Tage „verlieren“. Die volkswirtschaftlichen Kosten, die dadurch entstehen, sind enorm.
Hochwirksame medikamentöse Therapien zur Vorbeugung von Migräne
Was viele jedoch nicht wissen: Neben Therapien zur Behandlung akuter Migräneattacken gibt es längst hochwirksame Therapien zur Vorbeugung der Migräne. Eine effektive Migränebehandlung basiert immer auf mehreren Säulen: An erster Stelle steht eine medikamentöse Akuttherapie, die während der Migräneattacke zum Einsatz kommt. Unterstützend dazu ist es sinnvoll, diverse nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Verhaltenstherapie, Entspannungsübungen wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Biofeedback etc. zu kombinieren.
Wenn die Attacken aber an mindestens vier Tagen pro Monat auftreten, ist eine medikamentöse prophylaktische Therapie dringend angeraten. Ziel dieser vorbeugenden Migränetherapie ist es, Anzahl und Stärke der Migräneattacken zu senken.
Migränevorbeugung als „Nebeneffekt“
Lange Zeit kamen zur Migräneprophylaxe nur Medikamente zum Einsatz, die nicht speziell für den Einsatz bei Migräne entwickelt worden waren, sondern für andere Erkrankungen. Dazu zählen beispielsweise Betablocker (Medikamente gegen Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen) und Wirkstoffe gegen Depressionen oder gegen Epilepsie. Dass sie auch Zahl und Stärke von Migräneattacken senken können, war ein zufällig entdeckter Nebeneffekt. Da diese Medikamente jedoch oft lästige Nebenwirkungen haben, setzen sie viele Migränepatient:innen rasch wieder ab.
Moderne Therapien – gezielte Migränevorbeugung
2018 begann eine neue Ära: Erstmals wurden Medikamente eingesetzt, die gezielt und direkt in den Mechanismus der Migräneentstehung eingreifen. Die Entwicklung dieser sogenannten monoklonalen CGRP-Antikörper hat die Migräneprophylaxe grundlegend verändert. Derzeit sind vier solcher CGRP-Antikörper in Österreich erhältlich. Sie greifen direkt in den Mechanismus der Migräneentstehung ein, indem sie die Wirkung des bei Migräneattacken von den Nervenzellen (Neuronen) freigesetzten Botenstoffs CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) hemmen. Dieser wirkt nämlich gefäßerweiternd (vasodilatorisch) und entzündlich (inflammatorisch). Im Blut von Patient:innen mit chronischer Migräne ist der CGRP-Spiegel erhöht. CGRP-Antikörper sind hochwirksam: Sie senken die Zahl und die Stärke der Migräneattacken deutlich und ersparen Betroffenen somit viel Leid. Zudem sind die Mittel sehr nebenwirkungsarm und damit sehr gut verträglich. Selbst Migränepatient:innen, bei denen zuvor keine der verfügbaren Vorbeugetherapien wirkte, erleben damit deutlich weniger Migränetage. Die CGRP-Migräneprophylaxe kann entweder intravenös vierteljährlich über eine Kurzinfusion von Ärzt:innen verabreicht werden – oder die Betroffenen nutzen einen Fertigpen, mit dem sie sich das Medikament monatlich (einfache Dosis) oder vierteljährlich (dreifache Dosis) selbst (subkutan, also unter die Haut) spritzen.
CGRP-Antikörpertherapien im Überblick:
- vierteljährliche Kurzinfusion (30 Minuten) – verabreicht von Ärzt:innen
- monatliche subkutane Injektion mittels einer Fertigpen-Injektion – Selbstanwendung
- vierteljährliche subkutane Injektion mittels drei Fertigpen-Injektionen (Dreifachdosis) – Selbstanwendung
Grundsätzlich gibt es für jede:n Betroffene:n entsprechend der persönlichen Lebensumstände, Vorlieben, Bedürfnisse und Pläne (Auslandsaufenthalte, Reisen) die passende Verabreichungsform.
Vorteile der modernen Migräneprophylaxe
Die Prophylaxe in der Migränetherapie ist wichtig, weil sie den Verlauf der – noch nicht heilbaren – Migräneerkrankung positiv beeinflusst. Sie kann
- die Häufigkeit der Migräneattacken reduzieren
- die Stärke der Attacken mindern
- den Bedarf an Medikamenten zur Akutbehandlung senken
- ein Chronifizieren der Migräne verhindern
- eine bereits chronisch gewordene Migräne wieder in eine episodische zurückführen
- Betroffenen die Angst vor der nächsten Attacke nehmen.
Es gibt nachhaltig wirksame Hilfe bei Migräne – fragen Sie Ihre Neurologin oder Ihren Neurologen!
Viele Migränepatient:innen sind nach wie vor nicht diagnostiziert. Betroffene behelfen sich von Attacke zu Attacke mit einer Selbstmedikation aus der Apotheke. Das kann in einem Teufelskreis enden, denn die sehr gebräuchlichen, rezeptfreien Kopfschmerzmittel können selbst wieder zu Kopfschmerz führen (Rebound-Effekt), weshalb ein Zuviel dieser Medikamente nicht selten zum sogenannten Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz führt. Außerdem kann die Migräne unterdessen fortschreiten und chronisch werden. Gehen Sie mit migräneartigen Kopfschmerzen deshalb besser gleich zu spezialisierten Neurolog:innen – und das unbedingt regelmäßig! Denn wie die oben beschriebene Entwicklung zeigt: Die medizinische Forschung macht rasante Fortschritte. Halten Sie sich auf dem Laufenden! Nehmen Sie Ihren Kopfschmerz nicht tatenlos hin! Eine Migräne ist eine ernste neurologische Erkrankung, die nicht nur Ihnen viel persönliches Leid bereitet, sondern auch Ihr Umfeld betrifft.
„KOPFWEH ÖSTERREICH“: KOPFSCHMERZEN MIT AUFKLÄRUNG BEGEGNEN
Informationen rund um die Themen Kopfschmerzen und Migräne sowie Unterstützung für Migräne-Betroffene und ihre Angehörigen bietet die Patient:innenorganisation „Kopfweh Österreich“ www.shgkopfweh.at