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Von einer lebensbedrohlichen zur chronifizierten Erkrankung

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Prof. Dr. Dominik Wolf, Direktor der Universitätsklinik V, Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie an der MedUni Innsbruck im Gespräch über die chronisch-myeloische Leukämie.

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Prof. Dr. Dominik Wolf

Direktor der Universitätsklinik V, Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie an der Medizinischen Universität Innsbruck © Foto: Florian Lechner

Wie erfolgt die Therapie bei der Diagnose CML?

Nach der Diagnosestellung einer CML beginnt man auf jeden Fall mit einem Tyrosinkinase-Hemmstoff (Tyrosinkinasen sind Enzyme, die bei einem an CML erkrankten Menschen ihre natürliche Funktion nicht richtig ausführen und deshalb reguliert werden müssen). Bei PatientInnen mit extrem hoher Zahl an weißen Blutkörperchen kann am Anfang (vor allem bis man die Diagnose gesichert hat) noch eine „Vorphase“ mit einem alten Chemotherapeutikum behandelt werden, aber sobald die Diagnose gesichert ist, wird heutzutage mit einem Tyrosinkinasehemmer (TKI) behandelt.

Da gibt es Medikamente verschiedener Generationen: Mit dem ältesten Medikament der ersten Generation haben wir fast zwei Jahrzehnte Erfahrung. Dann gibt es neuere, sogenannte Zweitgenerations-TKIs und Drittgenerations-TKIs, die zwar wirksamer sind, aber bis dato keinen wirklichen Überlebensvorteil gezeigt haben. Sie sind vor allem wirksamer hinsichtlich der Geschwindigkeit des körperlichen Ansprechens, ermöglichen es dem Arzt aber auch, individuell auf Nebenwirkungen zu reagieren. Mittlerweile haben Patienten mit CML bei regelmäßiger Medikamenteneinnahme und Therapieüberwachung eine annähernd vergleichbare Lebenserwartung wie Gesunde.

Wie wirkt sich die tägliche Medikamenteneinnahme auf die Lebensqualität aus?

Natürlich können alle Medikamente Nebenwirkungen hervorrufen, die sich bei den PatientInnen aber sehr unterschiedlich ausprägen können. Selbst relativ milde Nebenwirkungen wie 3–4-maliger Durchfall am Tag und leichte Schwellungen der Augenlider können individuell als sehr einschränkend wahrgenommen werden, vor allem wenn sie dauerhaft bestehen. Deshalb ist es heutzutage auch in Studien das Ziel, die Medikamente nicht dauerhaft zu geben.

Welche Rolle spielt die Therapietreue?

Wie in allen dauerhaft einzunehmenden Krebstherapien spielt die Therapietreue eine große Rolle und ist sicherlich ein unterschätztes Problem. Meine persönliche Erfahrung ist, dass ein intensives Auseinandersetzen mit dem Patienten und das erklärende Gespräch über die Notwendigkeit der kontinuierlichen Einnahme sehr hilfreich ist, um die Therapietreue hochzuhalten. Natürlich gibt es immer wieder PatientInnen, die beispielsweise gern an Feier- oder Urlaubstagen aussetzen, weil es ihnen dann subjektiv besser geht. Daher ist Aufklärung über eine langfristig verschlechterte Wirkung der Medikamente bei unzureichender Therapietreue so wichtig.

Kann man die Nebenwirkungen beeinflussen?

Ja, natürlich. Der Arzt kann bei relevanten Nebenwirkungen auf ein anderes Medikament umstellen. Wir wissen, dass Medikamente unterschiedliche Verträglichkeitsprofile haben. Oder man kann nach einer gewissen Pause die Dosis auch reduzieren, um eine verbesserte Verträglichkeit zu ermöglichen.

Ist es also für den Patienten auch wichtig, sich zu Alternativen zu informieren?

Es ist eine Kernaufgabe des Arztes, das Gespräch mit dem Patienten so zu führen und strukturiert abzufragen, dass die Verträglichkeit entsprechend berichtet und bewertet werden kann, um dann auch entsprechend sinnvoll beraten zu können. Deshalb muss man sich für CML-Patienten Zeit nehmen. Man neigt heute dazu, die Krankheit zu bagatellisieren, weil sie so gut behandelbar ist. Auch der Blick auf die Begleiterkrankungen (Diabetes, COPD, etc.) ist essenziell, da diese für die Prognose so bedeutsam sind. Es ist also wichtig, dass man als Gesamtinternist agiert.


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