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„Bis zum Schluss brachte sie uns mit ihrem Schmäh zum Lachen“

Elisabeth Schöberl sen. an ihrem 100. Geburtstag Foto: privat

E. Schöberl hat 13 Jahre lang ihre Schwiegermutter zuhause gepflegt. Wie oft sie dabei an ihre Grenzen ging und wer sie dabei unterstützt hat, erzählt sie im Interview.

Elisabeth Schöberl

Pflege: Zu Hause oder im Heim? Die Österreicher werden immer älter und sind folglich immer länger auf Pflege angewiesen. Wer sich nicht selbst bei guter Gesundheit befindet und darüber verfügen kann, was mit ihm oder ihr im Falle eines Gebrechens passieren soll, ist auf das Wohlwollen seiner Mitmenschen angewiesen. So stehen viele Angehörige früher oder später vor der Frage, was mit Oma oder Opa geschehen soll. Ins Pflegeheim oder Pflege zu Hause? Wer sich dazu entschließt, seine Angehörigen zu Hause zu pflegen, stößt oft an seine psychischen und physischen Grenzen. Und hat Fragen. Wo bekomme ich Hilfe? Wie wird das Pflegegeld eingestuft? Mache ich das alles überhaupt richtig? Betroffene scheuen sich oft, darüber zu reden und überhaupt Hilfe anzunehmen. Nicht so Frau Schöberl, die im Interview erzählt, wie sie über mehr als ein Jahrzehnt die Pflege ihrer Schwiegermutter zu Hause gestemmt hat.

Frau Schöberl sen. erlitt vor ihrem 90. Geburtstag einen Oberschenkelhalsbruch und konnte sich nicht mehr selbstständig versorgen. Sie wurde rund 13 Jahre lang von ihrer Schwiegertochter gepflegt, die letzten drei Jahre als Intensivpflegefall. Mit 103 Jahren ist sie zu Hause gestorben.

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Haben Sie Ihre Schwiegermutter zuerst selbst gepflegt, bevor Sie sich Hilfe geholt haben?

Nach der ersten Oberschenkel-Operation musste ich mir Hilfe für die Körperpflege holen, da ich nicht wusste, wie man sie richtig und schmerzfrei im Bett hin und her bewegen konnte. Ich hatte also nur Hilfe am Morgen für die Körperpflege und später zum Anziehen. Alles andere – fünf Mahlzeiten am Tag, Medikamente, Wäsche, Einkaufen, am Abend Stützstrümpfe ausziehen, Fußbad und vieles mehr – habe ich selbst erledigt.

Waren Sie noch berufstätig, als Sie Ihre Schwiegermutter gepflegt haben?

Ich war noch elf Jahre selbstständig und dann in Pension.

Wie ließ es sich vereinbaren, neben der Selbstständigkeit Ihre Schwiegermutter zu pflegen?

Die Buchhaltung erledigte ich abends, wenn sie im Bett war. Da sie im selben Haus wohnte, konnte ich nebenher arbeiten. Oft haben mich meine Kinder und mein Mann unterstützt. Vor allem, wenn mein Mann und ich am Abend einen Termin hatten, war eines unserer erwachsenen Kinder da und hat auf die Oma aufgepasst. Auch wenn wir eine Woche Urlaub machen wollten, wechselten sich die Kinder ab.

Wie groß war die psychische Belastung, wie oft sind Sie an Ihre Grenzen gestoßen?

Am Anfang war die Belastung für mich sehr groß, die Umstellung war enorm. Ich musste alle Abläufe neu organisieren und war pflegetechnisch nicht versiert. Das hatte auch Auswirkungen auf meinen Blutdruck und meinen Bewegungsapparat. Schließlich pendelte sich alles wieder ein. Dann hatte sie nach zehn Jahren erneut einen Oberschenkelbruch, wieder dasselbe Bein. Diesmal konnten wir sie nicht mehr mobilisieren. Die letzten Jahre waren wir rund um die Uhr in Mamas Nähe.

Letztendlich haben Sie sich aber Unterstützung geholt, ist das richtig?

Damit mein Mann und ich Erholung und Urlaub hatten, meldeten wir unsere Schwiegermutter für die Kurzzeitpflege an. Wir sagten zu ihr: „Du fährst auf Urlaub und wir auch.“ Das hat sie sehr gut angenommen und für uns war es eine große Hilfe.

Wie hat sich das für Sie angefühlt, dass Sie die letzten Jahre mit Ihrer Schwiegermutter noch gemeinsam gehen konnten?

Es war für mich richtig. Ich dachte oft, Gott schenkt uns diese Zeit, um etwas aufzuarbeiten. Die Unterhaltung wurde in letzter Zeit aufgrund ihrer Schwerhörigkeit immer schwieriger. Meine Schwiegermutter war aber meistens im Frieden. Sie las religiöse Schriften und betete viel. Das hat ihr Sinn gegeben. Sie hat auch immer gesungen, falsch, aber von Herzen. Bis zuletzt brachte sie uns mit ihrem trockenen Schmäh zum Lachen.

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