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Volkskrankheiten

Wenn Antibiotika aufhören zu wirken

Microbiologist inspecting petri dish, observing bacteria growth
Microbiologist inspecting petri dish, observing bacteria growth
iStock/microgen

Seit der Entdeckung Penicillins, einer der wichtigsten medizinischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts, rettete der Einsatz von Antibiotika millionenfach Leben. Nun sind wir mit einem Auslöser für gravierende medizinische Rückschläge konfrontiert: Antibiotikaresistenzen. Im Interview mit Frau Prim.-Univ. Dr. Petra Apfalter.

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Prim.-Univ. Dr. Petra Apfalter

Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin, Ordensklinikum Linz © Foto: Ordensklinikum Linz Elisabethinen

Was sind Antibiotika?

Antibiotika sind wichtige Medikamente, die das Wachstum von Bakterien hemmen oder diese abtöten. Das aktive oder passive Eindringen von Mikroorganismen in den Organismus, deren Vermehrung und die Reaktion des Organismus nennt man eine Infektion. Antibiotika werden zur Therapie von Infektionen, die konkret durch Bakterien verursacht werden, eingesetzt. Kommt es zu Krankheitssymptomen (Schüttelfrost, Fieber, Rötung, Schmerzen, Eiterbildung) spricht man von einer bakteriellen Infektionskrankheit. Antibiotika wirken NUR gegen Bakterien. Antibiotika wirken nicht gegen Viren, Pilze oder andere Mikroorganismen, auch wenn die Symptome von z.B. Infektionen durch Viren oft sehr ähnlich sind.

Was muss bei der Einnahme beachtet werden?

Antibiotika sind in Österreich rezeptpflichtig und sollen nach genauer Anordnung durch den behandelnden Arzt eingenommen werden. Altbestände sollen entsorgt und nicht selbständig bei einer anderen Gelegenheit eingenommen oder weitergegeben werden.

Wie oft sollte man Antibiotika einnahmen?

Dazu gibt es keine Vorgaben oder Limits: so oft wie medizinisch nötig, nach ärztlicher Verordnung und so umsichtig wie möglich (über Indikation, Dosis, Verabreichungsform, Dauer entscheidet der Arzt). Manche Infektionen (z.B. virale) benötigen keine Antibiotika, manche bakterielle Infektionen erfordern eine monatelange Antibiotikatherapie.

Optimal ist es, wenn das Antibiotikum zielgerichtet auf das nachgewiesene Bakterium wirkt, also versucht wurde, die Bakterien anzuzüchten („mikrobiologischer Befund“) und eine Austestung der Bakterien auf deren Empfindlichkeit auf Antibiotika durchgeführt wurde (Antibiogramm). Gerade bei wiederkehrenden, bei chronischen oder auch bei sehr schweren Verläufen bakterieller Infektionen ist es wichtig, mikrobiologische Befunde zu erheben, um eine maßgeschneiderte Antibiotikatherapie durchführen oder auf eine solche umstellen zu können.

Wie entstehen Antibiotika-Resistenzen?

Resistenzen entstehen indem sich Bakterien an Antibiotika „anpassen“ bzw. Strategien entwickeln, damit Antibiotika sie nicht mehr am Wachstum hemmen oder sie gar abtöten können. Bakterien sind als Mikroorganismen kleine Lebewesen, die sich den äußeren Umständen anpassen. Bakterien haben hier unterschiedliche Waffen entwickelt: Beispielsweise können sie Enzyme produzieren, die Antibiotika zerstören oder aber auch ihre eigenen Angriffspunkte für Antibiotika verändern, sodass diese nicht mehr wirken können.

Sind Antibiotikaresistenzen gefährlich?

Antibiotikaresistenzen sind für Menschen gefährlich, die durch resistente Bakterien schwer erkrankt sind, weil dann die Auswahl an wirksamen Antibiotika für die Therapie sehr eingeschränkt ist. Wenn Antibiotika sorglos und nicht umsichtig eingesetzt werden, hat das zwei negative Effekte: Zum einen gewöhnen sich die Bakterien gewöhnen an die Antibiotika, sie werden „resistent“ und durch solche Bakterien können Schwerkranke schlecht behandelt werden und zum anderen ist einer, der Antibiotika bekommt, obwohl er sie nicht braucht, allen potenziellen Nebenwirkungen trotzdem ausgesetzt und seine Normalflora ändert sich. Antibiotika können nicht zwischen Krankheitserreger und „guter“ Normalflora unterscheiden. 

Was mache ich, wenn ich eine Resistenz entwickelt habe?

Es ist nicht der Mensch, der die Resistenz entwickelt, es sind die Bakterien. Ca. 2 kg von unserem Körpergewicht machen Bakterien aus, darunter können auch „resistente“ sein. Solange diese keine Erkrankung auslösen, ist das auch kein Problem. Der alleinige Nachweis von resistenten Bakterien (z.B. im Stuhl oder auf Wunden ect.) ist ohne Bedeutung und soll nicht behandelt werden. Im Spital werden seitens der Hygieneteams infektionskontrolltechnisch alle Maßnahmen ergriffen, um resistente Bakterien nicht weiter zu verbreiten. Händehygiene ist dabei die bedeutendste aller Maßnahmen.

Sind Antibiotika selbst schuld? Oder ist es der Umgang, sprich die Verabreichung?

Antimicrobial Stewardship – der umsichtige Einsatz von Antibiotika – in allen Lebensbereichen (Mensch – Tier – Umwelt) ist das Gebot der Zeit. Antibiotika selbst sind wichtige, lebensrettende Medikamente bei bakteriellen Infektionen.

Welche Alternativen gibt es?

Keine, vorausgesetzt, die Indikation stimmt.

Was muss ich selbst beachten, damit es nicht zur Antibiotikaresistenz kommt?

Antibiotika nicht selbständig und unkontrolliert einnehmen, weil sie z.B. einem Bekannten geholfen habe. Keine nicht verbrauchten Antibiotika weitergeben. Eine konkrete vorgeschriebene Einnahmezeit (z.B. 10 Tage) nicht selber abkürzen, weil sich die Symptome gebessert haben.

Muss ich eine verschriebene Einnahme hinterfragen?

Das ist die wahrscheinlich am schwierigsten zu beantwortende Frage.

Grundsätzlich darf der Patient darauf vertrauen, dass sein behandelnder Arzt die richtige Indikation stellt und eine passende Therapie verordnet. Wir wissen aber auch aus der NRZ-Tätigkeit, dass in Österreich zwei Drittel aller in der Humanmedizin verabreichten Antibiotika im niedergelassenen Bereich verordnet werden, mit Spitzen in der kalten Jahreszeit (virale Atemwegsinfektionen, gegen die Antibiotika nicht wirken) und den meisten Verschreibungen vor den Wochenenden.

Das sind alles Indizien für Verbesserungspotenzial. Im Gespräch mit den Ärzten wird sehr oft auch der Aspekt eingebracht, dass PatientInnen Antibiotika einfordern mit der Ansicht, dann schneller gesund zu werden, oder auch unter Zeitdruck stehen und ein Zuwarten oft schwierig ist („watch and wait“ in der Pädiatrie), ganz zu schweigen, dass es auch zeitaufwendiger ist, ein Aufklärungsgespräch zu führen (warum man etwas nicht tut, z.B. Antibiotika verordnen).

Nicht indizierte Antibiotikagaben resultieren auch aus zwar verständlichem, aber falsch verstandenem Sicherheitsdenken heraus: Nutzt es nicht, schadet es nicht. Dieser Ansatz ist völlig abzulehnen. Nicht indizierte Antibiotika können schwere Nebenwirkungen zur Folge haben und sind ganz abgesehen von der Thematik der Resistenzentwicklung grundsätzlich abzulehnen.

Es braucht beides, um zu verstehen, worin der große Nutzen der Antibiotika einerseits, aber auch die Gefahr der Antibiotikaresistenzen in einer globalen Welt liegen: Gut aufgeklärte BürgerInnen sowie ÄrztInnen, die Antibiotika im Sinne des Antimicrobial Stewardship verordnen.

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