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Neurologie

„Wir denken Migräne immer mit“: Zwei Betroffene im Interview“

Wir werden es überwinden, lieber Schatz. ängstlich liebevolle, heimatliche Mutter beruhigend, tränkend unterstützende, depressive erwachsene Tochter leidet an schlechten Tag, Gesundheit oder Arbeitsschwierigkeiten, gefährliche Diagnose, Scheidung
Wir werden es überwinden, lieber Schatz. ängstlich liebevolle, heimatliche Mutter beruhigend, tränkend unterstützende, depressive erwachsene Tochter leidet an schlechten Tag, Gesundheit oder Arbeitsschwierigkeiten, gefährliche Diagnose, Scheidung
© fizkes - Shutterstock.com

Sabrina Wolf, 31, Personalreferentin, und Bianca Leppert, 40, Journalistin, erzählen, wie sie den Alltag mit der chronischen Erkrankung Migräne bewältigen – und was ihnen dabei am meisten hilft.

Bianca Leppert (Journalistin, Podcasterin, Autorin FOTO: SEBASTIAN KRAWCZYK Sabrina Wolf Personalreferentin, Autorin, Content Creatorin & Entspannungstrainerin)

Bianca Leppert

© Sebastian Krawczyk

Journalistin, Podcasterin, Autorin

Sabrina Wolf (Personalreferentin, Autorin, Content Creatorin & Entspannungstrainerin)

Sabrina Wolf

© Dominik Ent

Personalreferentin, Autorin, Content Creatorin & Entspannungstrainerin

Ihr beiden, wann hat sich die Migräne bei euch erstmals gezeigt? Wie kam es zur Diagnose?

SW: Bei mir kam sie von der Art, wie sie im Lehrbuch steht, in der Pubertät. Da meine Mama auch Migräne hat, war ich schneller als viele andere Betroffene bei einer Neurologin und hatte bald meine Diagnose. Rückblickend denke ich jedoch, dass die Migräne auch schon hinter den Bauchschmerzen als Kind gesteckt hat. Da habe ich die Kopfschmerzen vielleicht nicht zuordnen können und einfach ‚Bauchweh‘ gesagt.
BL: Bei mir ist die Geschichte fast identisch – mit dem Unterschied, dass sowohl mein Papa als auch meine Mama Migräne haben bzw. hatten. Deshalb sage ich oft: Ich habe leider den Sechser in der Migräne-Lotterie, weil sie genetisch veranlagt ist. Während er ‚nur‘ zwei-, dreimal im Jahr eine Aura ohne Kopfschmerz erlebt, lag meine Mutter jedes Wochenende mit Migräne flach. Bei meiner ersten Migräneattacke war ich 13 oder 14 Jahre alt und mit meinen Eltern auf einem Ausflug. Als es abends in der Wanderhütte Wild gab, wurde mir von dessen Geruch wahnsinnig übel und ich verbrachte zwei elende Stunden auf der Toilette. Meine Eltern ahnten, was los ist. Die Diagnose bestätigte ihren Verdacht: episodische Migräne.

Wie fühlt sich eine Migräneattacke an?

BL: Man fühlt sich so schwach wie bei einer Grippe mit hohem Fieber, dazu kommt Übelkeit und evtl. Erbrechen und Durchfall wie bei Magen-Darm und dazu die schlimmsten Kopfschmerzen deines Lebens. Bei mir geht das in der Regel über drei Tage.

Wie waren eure ersten Jahre mit Migräne?

BL: In meiner Jugend konnte ich mit der Migräne gut umgehen, da war sie noch nicht so ausgeprägt – in meinen 20ern traf sie mich dann mit voller Wucht.
SW: Ich hatte viele Attacken in der Schulzeit. Dort wurde das jedoch wenig ernst genommen. Damals fehlte es mir auch noch an Selbstbewusstsein, um die Unterstützung einzufordern, die ich gebraucht hätte. Im Studium wurde es besser. Hier konnte ich mir meine Zeit freier einteilen und viel zuhause machen. Meinen Masterabschluss erwarb ich im Fernstudium. Am Ende des Studiums, als Werksstudentin, hatte ich bis zu 20 Migränetage im Monat.

Wie beeinflusst die Migräne euren Alltag und wie wappnet ihr euch gegen Attacken?

SW: Ich habe mein Leben an die Krankheit angepasst und Routinen für Essen, Sport, Entspannung, Arbeit, Freizeit. Damit und mit meinen aktuellen Prophylaxe-Medikamenten, die ich seit vier Jahren alle vier Wochen nehme, habe ich jetzt etwa fünf Migränetage monatlich. Für die bin ich stets bereit – ich habe in jeder Tasche Akutmedikamente. Und je nachdem, was ich gerade tue, sind Kühlpacks, Schlafmaske, Noise-Cancelling-Kopfhörer, Sonnenbrille und Cap griffbereit.
BL: Ich denke meine Migräne immer mit, oft unbewusst. Ich habe meinen geregelten Tagesablauf mit Routinen und akzeptiere, dass ich eine Krankheit habe, die mich immer begleiten wird. Statt mich ständig zu fragen ‚Was, wenn …?‘ sage ich mir: ‚Selbst, wenn …!‘ Ich lasse mich nicht mehr ständig einschränken. Ich habe gelernt, mit ihr zu leben. Dazu gehören diese Learnings:

  1. Ich habe keine Angst (mehr) vor der nächsten Attacke. Sie kommt sowieso.
  2. Ich frage mich nicht (mehr): ‚Warum ich?‘
  3. Ich habe verinnerlicht, dass Migräne nicht heilbar ist. Das hat mir den Druck genommen, eine Lösung finden zu müssen.

Welche Rolle spielt das Umfeld? Erlebt ihr Verständnis oder eher Vorurteile?

SW: Alle in meinem Umfeld, die geblieben sind, wissen Bescheid; meine Migräne wäre auch kaum zu verschweigen. Die Erkrankung erschwert es mir aber, neue Menschen kennenzulernen: Immer wieder muss ich mich erklären. Das strengt an. Und für die Menschen sind meine Routinen mitunter auch schwer zu verstehen. Grundsätzlich glauben viele nicht an Migräne leidende Menschen, sie wüssten darüber Bescheid – und könnten mitreden. Doch sie denken dabei meist an einen herkömmlichen Kopfschmerz. Zu oft wird die Migräne deshalb banalisiert: ‚Nimm halt eine Schmerztablette …‘ oder ‚Schlaf dich mal aus …‘ sind Ratschläge, die wir hören. Und selbst manche Betroffene wissen zu wenig über die Krankheit und gehen deshalb nicht zu Ärzt:innen – fast 40 Prozent der Migränefälle werden gar nicht erst diagnostiziert.
BL: Ich bin unter anderem als Formel1-Journalistin weltweit unterwegs: Worst Case ist eine Migräneattacke im Flieger. Du kannst den Triggern (Geräusche, Gerüche, Licht) nicht entfliehen – nur die Minuten zählen, bis du in der Ruhe deines Hotelzimmers ankommst. Zum Glück habe ich Kolleg:innen an meiner Seite, die mich und meine Migräne mittlerweile kennen – auch, weil sie mein Buch gelesen haben. Sie erinnern mich auf Reisen ganz selbstverständlich an meine Routinen, beispielsweise den Kaffee.

Was wollt ihr Betroffenen mitgeben, die gerade erst die Diagnose erhalten haben?

SW: 1. Eine schwere Migräne ist laut WHO die neurologische Erkrankung, die Betroffene am meisten behindert.
2. Ihr seid nicht allein: Etwa jede:r Siebte weltweit leidet an Migräne.
3. Ihr seid auch nicht falsch: Euer Migränegehirn verarbeitet Reize anders als das Gehirn von Nicht-Betroffenen.
4. Migräne hat viele Symptome – nicht „nur“ Kopfschmerzen.
BL: Macht euch zu Expert:innen für eure Migräne. Informiert euch bei Migräne-Fachärzt:innen und seriösen Quellen im Internet. Sucht Verbündete, die euch im Alltag unterstützen. Wichtig ist Kommunikation: Angehörige können nicht wissen, was es bedeutet, Migräne zu haben.

Bianca Leppert schrieb 2019 das Buch „Ich hab‘ Migräne – Und was ist deine Superkraft? – Dein Begleiter durch gute & schlechte Tage“, und gibt ihr Wissen auf Instagram weiter unter @migraene_superhelden. 
Sabrina Wolf verfasste 2025 das Buch „Unwetter im Kopf – Mein Leben mit Migräne: Was mir wirklich geholfen hat, sie zu verstehen, anzunehmen und mit ihr zu leben“ und ist auf Instagram unter @unwetterimkopf zu finden.

DAS SOLLTEN SIE ÜBER MIGRÄNE WISSEN! 

1 Million Österreicher:innen sind von Migräne betroffen.1
2. In Westeuropa ist Migräne die am stärksten belastende neurologische Erkrankung.2
3.  Die Anfälligkeit für Migräne wird auch vererbt. Die Krankheit schlummert und wird von bestimmten Faktoren wie Stress oder Wetteränderungen getriggert.
4.  Wer an Migräne leidet, hat ein bis zu zehnmal höheres Risiko, eine psychische Begleiterkrankung wie Angststörung oder Depression zu entwickeln.3 
5. Frauen haben bis zu dreimal häufiger Migräne als Männer.4
6.  Bei Frauen ist Migräne rund um die Regelblutung, während der Stillzeit und beim Eintritt in die Wechseljahre besonders häufig („Hormonmigräne“). In der Schwangerschaft dagegen gibt sich eine Migräne meist.4

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