Die Multiple Sklerose (MS) verläuft in den ersten Jahren schubweise (Rezidivierend-remittierende MS, RRMS). In einem jahrelang schleichenden Prozess wird daraus die Sekundär-progrediente MS (SPMS). Was dieses fortgeschrittene Stadium der Autoimmunerkrankung für Betroffene bedeutet, erklärt Neurologe ao Univ.-Prof. Dr. Fritz Leutmezer, Oberarzt an der Universitätsklinik für Neurologie am AKH Wien und Präsident der Österreichischen Multiple Sklerose Gesellschaft.

Univ.-Prof. Dr. Fritz Leutmezer
© MedUni Wien – Matern
Facharzt für Neurologie, OA an der Universitätsklinik für Neurologie, AKH Wien und Präsident der österreichischen MS Gesellschaft
Herr Dr. Leutmezer, wie wird aus einer schubförmigen eine sekundär progrediente Multiple Sklerose?
Wie jeder Autoimmunerkrankung liegt auch der MS eine Überreaktion beziehungsweise Fehlfunktion der körpereigenen Abwehr zugrunde. Statt gegen Bakterien, Viren und Co. kämpft das Immunsystem gegen den eigenen Körper. Bei der Multiplen Sklerose vernachlässigen weiße Blutkörperchen (Leukozyten) ihre eigentlichen Abwehraufgaben im Blutkreislauf: Anstatt Antikörper zu bilden und Krankheitserreger ‚zu vergiften‘ oder ‚zu fressen‘, dringen sie über die Blut-Hirn-Schranke bis ins Gehirn vor und attackieren dort Nervenzellen (Neuronen). Es kommt zu akuten, fokalen Entzündungen – sogenannten Entzündungsherden. Man spricht dabei auch von einer Neuroinflammation. Je nachdem, welche Körperfunktionen die angegriffenen Nervenzellen steuern, fallen eben diese Funktionen aus. Denn die Neuroinflammation stört oder unterbricht die Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln. Betroffene erleben den plötzlichen Ausfall als ihren ersten MS-Schub mit Symptomen wie
- Gefühlsstörungen: Kribbeln oder Taubheit in Armen und Beinen
- Sehstörungen: verschwommenes Sehen, Doppelbilder, Schmerzen bei Augenbewegung
- und Gleichgewichtsstörungen.
Da sich das Gehirn in einem gewissen Maß jedoch zu regenerieren vermag, geben sich diese Störungen meist innerhalb einiger Wochen wieder. Alles scheint wie vor dem Schub. Doch der Schein trügt – die Neuroinflammation schwelt unterdessen weiter (Smoldering MS). Nach und nach ‚nisten‘ sich immer mehr solcher fehlfunktionierenden weißen Blutkörperchen im Gehirn ein und bilden dort toxische Milieus, die Nervenzellen absterben lassen. Irgendwann kommt das Gehirn mit dem Kompensieren der Signalstörungen nicht mehr hinterher, sodass die Neuronen die entsprechenden Körperfunktionen immer schlechter steuern. Bei den MS-Patient:innen zeigen sich dann beispielsweise Gang- oder Blasenprobleme, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Die Schübe werden weniger, sie ‚überschatten‘ das Entzündungsgeschehen nicht mehr wie zuvor. Die Erkrankung hat damit eine fortgeschrittene Stufe erreicht – aus einer RRMS wurde eine SPMS. Im Grunde ist der MS-Fortschritt, der mit dem ersten Schub unaufhaltsam beginnt, ein Altern im Turbogang. Der Wechsel in die nächsthöhere Krankheitsstufe geschieht nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern schleichend, teils auch überlappend etwa 10 bis 20 Jahre nach dem ersten Schub.
Was bedeutet das für die Therapie von RRMS und SPMS?
Das Gehirn schützt sich extrem gut – unsere heutigen Immunsuppressiva gelangen dort nicht hinein. Den fehlfunktionierenden weißen Blutkörperchen im Gehirn beikommen zu wollen, wäre mit höchstem Schadensrisiko verbunden. Die derzeitigen MS-Therapien verfolgen daher das Ziel, die fehlfunktionierenden weißen Blutkörperchen unschädlich zu machen, bevor sie die Blut-Hirn-Schranke passieren. Wir können den Verlauf der Multiplen Sklerose damit zwar (noch) nicht stoppen, nur verlangsamen – doch es gilt: Je früher und je entschlossener wir dabei vorgehen, desto größer ist der Erfolg. Das spricht auch dringend dafür, dass die Diagnose möglichst früh gestellt und die Behandlung möglichst früh gestartet wird. Was wiederum eine Awareness für die Krankheit voraussetzt: bei den Betroffenen selbst und bei den Ärzt:innen, die wegen ihrer Schubsymptome erste Anlaufstelle sind. Noch fehlt es häufig an Wissen und Verständnis bei MS.
Wie belastet das schleichende Fortschreiten der MS die Betroffenen?
Die SPMS bringt ihnen schubunabhängig Verschlechterungen, insbesondere bei koordinativen Prozessen, für die viele Informationen in hoher Geschwindigkeit zu verarbeiten sind. Diese fallen SPMS-Patient:innen schwerer als gesunden Gleichaltrigen, weil die Übertragung der Signale von Nervenzellen im Gehirn zu Muskeln länger dauert. Hinzu kommen häufig Konzentrationsschwäche und übermäßige Müdigkeit (Fatigue). Zu Multitasking sind SPMS-Patient:innen irgendwann kaum mehr fähig. Das alles beschränkt sie im Alltag. Dass man ihnen die SPMS nicht ansieht, sorgt für teils großes Unverständnis bei Unwissenden. Die Krankheitslast wiegt schwer und schwerer. Umso wichtiger ist es, den verlorenen Fähigkeiten nicht ewig hinterherzutrauern, sondern das Beste aus dem zu machen, was bleibt. Hierbei sind auch wir MS-Spezialist:innen gefragt. Wir müssen unsere Patient:innen darüber aufklären, dass nicht nur die Medikamente ihre chronische Erkrankung in Schach halten, sondern auch sie selbst mit ihrem Lebensstil viel beitragen können: Sobald wir eine MS diagnostizieren, erklären wir den Patient:innen zum Beispiel, dass sie allein mit regelmäßiger Bewegung eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs um bis zu 30 Prozent erreichen können. Das entspricht der Wirkung einer Basis-Immuntherapie gegen MS, die mit nicht unerheblichen Nebenwirkungen daherkommt, beispielsweise grippeähnlichen Symptomen wie Fieber oder Schüttelfrost sowie Magen-Darm-Problemen. Für eine gesunde Ernährung gilt dasselbe. MS-Patient:innen sind demnach alles andere als ihrer Krankheit ohnmächtig ausgeliefert. Das müssen sie von Anfang an verstehen, um ihre Diagnose leichter zu akzeptieren und ihr Leben mit zuerst RRMS und dann SPMS besser zu bewältigen. Doch nicht nur wir Neurolog:innen können die mentale Widerstandsfähigkeit (Resilienz) unserer MS-Patient:innen aktivieren und stärken, die es braucht, um mit einem Schicksal wie MS klarzukommen. Auch eine fachkompetente psychotherapeutische Begleitung ist zumindest zeitweise ratsam. Nicht zuletzt empfehle ich Betroffenen, sich mit anderen MS-Patient:innen zu verbinden und auszutauschen.
DIAGNOSE MULTIPLE SKLEROSE: WO FINDE ICH HILFE?
Weitere Infos unter Beratung: www.ms-begleiter.de*
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Österreichische Multiple Sklerose Gesellschaft: www.oemsg.at
Austausch: MS-Clubs und Selbsthilfegruppe: https://www.oemsg.at/multiple-sklerose/adressen-links-multiple-sklerose/ms-selbsthilfegruppen-in-oesterreich/
* Dieser Link führt zu einer von Sanofi Deutschland betriebenen Website. Die dort bereitgestellten Informationen können für Österreich abweichen.