So Caroline Justich (48), als sie die Diagnose metastasierter hormonrezeptor-positiver und HER2-positiver (HR+/HER2+) Brustkrebs erhielt – mit der Aussicht auf nur noch wenig Lebenszeit. Heute, zehn Jahre später, führt die dreifache Mutter ein erfülltes Leben mit ihrer chronischen Brustkrebserkrankung.
Caroline, wie kam es zu Ihrer Diagnose?
Schwanger mit dem dritten Kind quälten mich wahnsinnige Rückenschmerzen. Ich konnte weder sitzen, noch stehen oder liegen. Die Ärzt:innen schoben die Schmerzen auf die Schwangerschaft und nach der Geburt auf den Alltag mit drei Kindern. Im Sommer 2016 stürzte ich beim Wasserski und konnte mich kaum mehr aufs Boot hieven. Beides war neu. Ich war eine gute Wasserskifahrerin, hatte nie Probleme. Der Arzt verpasste mir eine Schmerzinfusion, sah keinen Anlass für bildgebende Diagnostik. Wir machten eine Fernreise.
Wieder daheim wollte ich eines Oktobermorgens aufstehen, als meine Wirbelsäule plötzlich krachte. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Im orthopädischen Krankenhaus wurde ein Wirbelbruch festgestellt, verursacht von einem Tumor. Da dieser Tumor eine Metastase war, wurde mein ganzer Körper nach dem Primärtumor durchsucht. Dann stand der Arzt an meinem Bett, den Blick am Boden: ‚Sie haben Brustkrebs Stadium 4. ‚Es ist ein besonders aggressiver Brustkrebs. Neben der Metastase an der Wirbelsäule gibt es weitere in der Leber sowie am Hüft- und am Oberschenkelknochen. Vielleicht erleben Sie Weihnachten nicht mehr. Regeln Sie besser Ihre Angelegenheiten …‘.
Was wussten Sie damals über metastasierten Brustkrebs?
Nichts. Ich verstand auch nicht alles, was die Ärzt:innen mir erklärten. Den angekündigten Tod vor Augen sagte ich mir jedoch, dass ich kein Ablaufdatum wie eine Milchpackung habe. Zutiefst geschockt wandte ich mich an einen befreundeten international bekannten Brustradiologen, Prof. Dr. Michael Fuchsjäger. Er erklärte mir in einfacher Sprache, was das alles bedeutet. Er gab mir einen Schritt-für-Schritt-Plan: ‚Es wird eine Achterbahnfahrt. Versprich mir, dich festzuhalten!‘ Beim Onkologen erfuhr ich, dass meine Diagnose kein Todesurteil ist: Drei Prozent der Patientinnen mit meinem Brustkrebstyp werden geheilt, beim Rest chronifiziert sich die Erkrankung meist. Ich sagte: ‚Ich bin bei den drei Prozent.‘
Wie wurden/werden Sie behandelt und wie geht es Ihnen heute?
Zuerst wurde der gebrochene Wirbel mit einem Implantat (Wirbel-Cage) ersetzt und bestrahlt. Darauf folgten neun Zyklen einer neoadjuvanten Chemotherapie (Chemo vor OP), danach wurden der befallene Teil meiner Leber entfernt (Leberresektion) und letztlich die rechte Brust entnommen (Mastektomie), gefolgt von einer Bestrahlung. Ich bekomme nach wie vor vier Therapien und engmaschige Verlaufskontrollen mit Bildgebung und Blutbild.
Ich lebe mittlerweile schon fast zehn Jahre länger. Ich vertrage die Therapien gut und spüre kaum Nebenwirkungen. Manchmal habe ich Kopfweh, doch das haben Gesunde auch. Dank moderner Krebsmedizin lebe ich gut mit Krebs, chronifiziert; dass das so bleibt, dafür tue ich viel.
Was tun Sie?
Ich ‚investiere‘ massiv in meine physische und psychische Gesundheit – alles, was ich tue ist evidenzbasiert, mit dem Ziel, möglichst viele schulmedizinische Therapien in einem Durchgang zu bekommen, um meine Chancen und meine Lebensqualität zu optimieren. Was ich genau mache, finden Sie in den Smart 8 von Be accepted (Anm. d. Red.: mehr dazu unter be-accepted.com).
Wenn meine Erkrankung berechtigte Gefühle wie Sorgen, Ängste und Trauer weckt, betreibe ich zum Beispiel Gedankenhygiene: Ich gebe dem Gefühl Raum. Doch ich lege fest, wie groß dieser ist. Ich gewähre der Traurigkeit 15 Minuten mit mir und erlaube mir dann, wieder glücklich zu sein.
Wie gelingt Ihnen das Glücklichsein?
Mein Brustkrebs hat uns viel der Leichtigkeit genommen. Doch ich muss mir mein Leben nicht noch schwerer machen, es ist eine persönliche Entscheidung, glücklich zu sein. Krebs hat mir viel genommen, aber er hat mir auch so viel gegeben. Heute lebe ich intensiver, habe gelernt, dass meine Energie dorthin fließt, worauf ich meinen Fokus richte. Mein Leben hat eine eigene Qualität bekommen.
Biomarker Testing und zielgerichtete Therapie – wann begegneten Ihnen diese Begriffe?
Immer häufiger, ich habe auch ein solches Testing bekommen; ein großer Fortschritt in der Brustkrebsbehandlung. Es ist ein Bluttest, der nach Krebszeichen im Blut sucht, einschließlich Veränderungen im Östrogenrezeptor-1-Gen (ESR1), die sich bei metastasierendem Brustkrebs über die Zeit entwickeln können. Das ist eine perfekte Ergänzung zur Bildgebung bei Verlaufskontrollen.
Chronifiziert sich ein metastasierter Brustkrebs, begleitet er Betroffene dauerhaft. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus im Alltag und wie helfen aktuelle Therapien, diese zu meistern?
Eine große Herausforderung für uns Patientinnen und unsere Angehörigen ist der logistische Aufwand, den eine Krebsbehandlung mit sich bringt: Termine müssen nicht nur gemacht, sondern auch aufeinander und auf unseren Lebensalltag abgestimmt werden. Daher ist es so wichtig, einerseits Zugang zu Wissen der führenden Expert:innen zu haben, und andererseits zu verstehen, wie man durch seinen Behandlungspfad navigiert.
Dass sich viele moderne Medikamente zuhause schlucken lassen, empfinde ich ebenfalls als große Erleichterung – es führt zu weniger Bindung an eine Ambulanz oder Klinik und die Nebenwirkungen sind deutlich geringer, das erleichtert uns Betroffenen den Alltag.
Welche Rolle spielt Ihre Familie beim Bewältigen Ihrer Erkrankung?
Eine große. Meine Mutter und mein Mann haben sich um die Kinder gekümmert und den Alltag am Laufen gehalten. Ganz wichtig ist, dass ich gelernt habe, Hilfe anzunehmen. Ich bin dankbar für meine großartigen Freund:innen und den Austausch mit Betroffenen.
Sie geben das Magazin „Be accepted“ heraus, was hat es damit auf sich?
Be accepted, ein Magazin und eine mobile Website, in Kooperation mit der Europäischen Gesellschaft für Radiologie (ESR) 2022 gegründet, ist in elf Sprachen erhältlich. Es ist ein One-Stop-Shop-Leitfaden und permanenter Begleiter für Brustkrebspatientinnen ab dem Moment der Diagnose, der Zugang zu fundiertem Wissen, gefiltert, zusammengefasst und in verständlicher Sprache vermittelt. Es beinhaltet alles, was man wissen muss, um sofort aktiv zu werden und zu bleiben; ein großes Bild, das einen Wissens- und Zeitvorsprung verschafft, mit hilfreichen Tipps, um theoretisches Wissen im ‚neuen‘ Alltag umzusetzen.
5 Vorteile der Liquid Biopsy
Die Flüssigkeitsbiopsie ergänzt die Gewebebiopsie. Anstelle von Gewebe wird Blut untersucht, um Tumorzellen oder Tumor-DNA nachzuweisen, die der Krebs freisetzt. Das hat folgende Vorteile 1:
- Eine Blutentnahme ist weniger aufwendig als eine Gewebeentnahme unter Narkose. Das beschleunigt Diagnose und Behandlungsstart.
- Die Liquid Biopsy erspart Patient:innen Schmerzen verursachende Eingriffe.
- Die Gewebebiopsie liefert nur Informationen zum Gewebe am Entnahmeort. Eine Liquid Biopsy erfasst die gesamte Tumorlast im Körper, also gegebenenfalls auch Metastasen.
- Die Liquid Biopsy erleichtert die Verlaufskontrolle bei Krebs: Mit ihr lassen sich die Therapiewirksamkeit überprüfen und das Wiederauftreten von Krebs i. d. R. früher erkennen als mit Bilddiagnostik.
- Bei Brustkrebs ermöglicht die Liquid Biopsy, Mutationen wie PIK3CA und ESR1 zu identifizieren und somit auch HER2-negativen Brustkrebs zielgerichtet zu behandeln.
¹Selpers: Liquid Biopsy bei Brustkrebs, medizinisch geprüft durch Dr.in Christine Deutschmann, Stand Oktober 2024, abrufbar unter: https://selpers.com/brustkrebs/liquid-biopsy-bei-brustkrebs-liquid-biopsy-bei-brustkrebs/ (abgerufen am 16.06.2026).
2026-06 – MAT-AT-DS-00041, Juni 2026