Skip to main content
Home » News » Zwischen Tabu und Wissenslücke: Die Menopause
News

Zwischen Tabu und Wissenslücke: Die Menopause

Foto: Louise Unmack Kjeldsen Credit: Thomas Kjeldsen Unterschrift: Regisseurin (Kinofilm: „Mein neues altes Ich - Eine Reise in das Mysterium der Menopause“)
Foto: Louise Unmack Kjeldsen Credit: Thomas Kjeldsen Unterschrift: Regisseurin (Kinofilm: „Mein neues altes Ich - Eine Reise in das Mysterium der Menopause“)
Louise Unmack Kjeldsen
Regisseurin (Kinofilm: „Mein neues altes Ich - Eine Reise in das Mysterium der Menopause“)
© Thomas Kjeldsen

Für ihren Dokumentarfilm Mein neues altes Ich – Eine Reise in das Mysterium der Menopause hat Regisseurin Louise Unmack Kjeldsen weltweit mit Betroffenen und Forscher:innen gesprochen. Auslöser war ihre eigene Erfahrung. Im Interview spricht sie über gefährliche Wissenslücken im Gesundheitssystem und darüber, warum die Menopause endlich aus der Tabuzone geholt werden muss.

Wann haben Sie erkannt, dass die Menopause hinter all Ihren Symptomen stecken könnte?

„Ihre Eierstöcke sehen aus wie kleine verwelkte Zweige.“ Das waren die Worte meiner Gynäkologin, während ich auf dem Behandlungsstuhl lag. Menopause – ich hatte keine Ahnung, was das konkret bedeutete. Wenige Minuten später stand ich wieder auf der Straße, ohne Erklärung und richtiges Gespräch.

Ich war Anfang 50, genoss mit meinem Mann die neue Freiheit, nachdem die Kinder ausgezogen waren. Ich machte das, was ich am meisten liebe: Filme drehen. Plötzlich begann mein Leben auseinanderzufallen. Ich konnte nicht schlafen, mein Gehirn fühlte sich wie zäher Brei an, und emotional erkannte ich mich nicht wieder. 

Eines Nachts begann ich, meine Symptome zu googeln und fand Millionen andere Frauen, die genau dasselbe taten: wach liegen und versuchen, zu verstehen, was mit ihnen passiert. Das machte mich wütend. Und neugierig.

Es gibt nach wie vor wenig Forschung zur Menopause – obwohl sie 50 % der Weltbevölkerung betrifft. Was hat Sie bei der Recherche überrascht?

Bei meiner Reise um die Welt sprach ich mit führenden Forscher:innen. Mehr Frauen als Männer entwickeln Alzheimer. Schwere Hitzewallungen könnten das Gehirn schädigen. Hormonelle Schwankungen können Depressionen auslösen. Und sehr viele Frauen zwischen 45 und 56 verschwinden aus dem Arbeitsmarkt – möglicherweise wegen der Menopause. Das Wort „möglicherweise“ wurde unerträglich. Die Wahrheit ist: Klare Antworten fehlen, weil große, systematische Studien nie durchgeführt wurden.

Warum wird über die Zusammenhänge zwischen Menopause, Depression und Suizidgedanken bei Frauen von 45 – 54 noch immer so selten gesprochen?

Eine Frau erzählte mir während der Dreharbeiten, wie sie nachts wach lag, ihr Nervensystem wie ausgeschaltet. Nach dieser besonders schlimmen Nacht verließ sie das Haus mit dem Gedanken, einfach in den Verkehr zu laufen. Zum Glück tat sie es nicht. Ihr Arzt schickte sie direkt in eine Klinik. Eine andere Frau sagte, sie würde manchmal denken, ihre Kinder wären ohne sie besser dran. Es waren starke, erfolgreiche Frauen ohne frühere psychische Erkrankungen – und dennoch dauerte es Monate oder Jahre, bis sie ernst genommen wurden.

Viele Frauen bekommen keine Hilfe, weil sie nicht wissen, dass hormonelle Veränderungen dahinterstecken könnten – und weil noch immer zu viele Ärztinnen die Symptome nicht ausreichend erkennen. Wenn es um Suizidgedanken geht, wird dieses Unwissen gefährlich.

Ihr Film zeigt, wie männlich dominierte Forschung über Jahrhunderte das Verständnis von Frauengesundheit geprägt hat.

In alten medizinischen Lehrbüchern fand ich erschreckende Beschreibungen: „Frauen werden egozentrisch, selbstmitleidig, streitsüchtig.“ Oder: „Eine Frau, die keine Kinder mehr bekommen kann, ist für ihre Spezies nutzlos.“ Diese Geringschätzung prägte die Medizin über Generationen. Forschung wurde an Männern betrieben. Der männliche Körper galt als Norm, der weibliche als zu kompliziert – Zyklen störten Daten, Schwangerschaft war ein Risiko. Noch heute fließen weniger als 5 % der globalen Gesundheitsforschung gezielt in Frauengesundheit.

Die Hormonersatztherapie ist seit Jahrzehnten umstritten. Warum polarisiert die Debatte so?

Als ich Hilfe suchte, sagte mir meine Ärztin nur: „Da müssen Sie durch.“ Diese Erfahrung teilen viele Frauen. 2002 wurde eine große US-Studie abgebrochen, weil sie ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs und Herzkrankheiten nahelegte. Millionen Frauen brachen ihre Therapie ab. Erst später wurde klar: Die Studie hatte gravierende Methodikprobleme. Heute gilt die Hormontherapie für viele Frauen als risikoarm, besonders, wenn sie früh begonnen wird. Moderne Präparate sind deutlich besser als frühere. Dennoch bleibt die Angst.

Zugleich besteht eine Grundsatzdebatte: Ist es richtig, Medikamente gegen einen natürlichen Prozess zu nehmen? Oder ist es problematisch, Frauen wirksame Behandlung zu verwehren? Frauen brauchen verlässliche Informationen, um selbst entscheiden zu können – ohne Bewertung.

Ihr Film greift mögliche Zusammenhänge zwischen Menopause und Gehirngesundheit auf. Welche sind das?

In Chicago erforscht Professorin Pauline Maki seit Jahren, was während der Menopause im Gehirn passiert. Frauen mit starken Hitzewallungen zeigen häufiger kleine Hirnveränderungen, die mit Alzheimer in Verbindung stehen. Chronischer Schlafmangel könnte langfristige Folgen haben. Gleichzeitig wissen wir vieles noch nicht. Es gibt keine große Studie, die direkt untersucht, ob Hormonersatztherapie das Gedächtnis bei betroffenen Frauen verbessert.

Sie haben mit Frauen aus vielen Ländern gesprochen. Welche Gemeinsamkeiten/Unterschiede haben Sie überrascht?

Weltweit beschrieben Frauen dasselbe: Schlaflosigkeit, Brain Fog, das Gefühl, sich selbst zu verlieren – und nicht ernst genommen zu werden. Ein Unterschied fiel dennoch auf: Schwarze und Latinx-Frauen erleben im Durchschnitt häufiger und länger Hitzewallungen und sind in Studien stark unterrepräsentiert. Die Forschungslücke betrifft also einige Frauen noch stärker.

Warum hat sich das Tabu um die Menopause so lange gehalten? Verändert sich die Debatte gerade?

Frauen wurden lange zum Schweigen aufgefordert. Doch die heutige Generation wächst feministisch auf. Sie will über ihren Körper sprechen und ihr Alter selbst definieren. Social Media hat Frauen weltweit vernetzt. Sie wollen auch in der Lebensmitte sichtbar sein. Frauen sind schlicht müde geworden, Energie darauf zu verwenden, etwas Universelles zu verbergen.

Ich wünsche mir mehr Wissen und Zeit für Gespräche im Gesundheitssystem, vor allem aber wünsche ich mir Gespräche zwischen Frauen. Viele glauben noch immer, sie seien allein. Das sind sie nicht.

Next article