Die beiden niedergelassenen Fachärzte für Innere Medizin und Rheumatologie Dr. Manuel Bécède (Tulln an der Donau) und Dr. Harald Leiss (Baden bei Wien) stellen die chronische Erkrankung axiale Spondyloarthritis (axSpA, ehemals Morbus Bechterew) vor und erklären, warum eine frühe Diagnose entscheidend für ihre Behandlung ist.

Dr. Manuel Bécède
© Faber Photography
Niedergelassener Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie, Tulln an der Donau

Dr. Harald Leiss
© M. Baumann
Niedergelassener Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie, Baden bei Wien
Die axiale Spondyloarthritis wird häufig erst spät erkannt. Woran liegt das?
Dr. Harald Leiss: Zum einen liegt das daran, dass uns allen im Lauf des Lebens mal der Rücken wehtut. Die Herausforderung ist es, den entzündlichen Rückenschmerz rauszuf iltern. Das können wir Fachärzt:innen jedoch nur, wenn sich Menschen mir Rückenschmerzen untersuchen lassen. Zum anderen bricht die axSpA mit den Klischees, dass rheumatische Erkrankungen vorwiegend Frauen und nur alte Leute betreffen – mehr als die Hälfte der Betroffenen ist männlich, oft in ihren Zwanzigern und Dreißigern.
Dr. Manuel Bécède: Im Schnitt dauert es vom ersten Auftreten von Symptomen der axSpA bis zur ersten Therapieeinheit fünf bis sieben Jahre. Während dieser Zeit gehen die Patient:innen von Praxis zu Praxis auf der Suche nach Hilfe. Oft hören sie, dass Rückenschmerzen ‚normal‘ seien, wenn man älter werde. Verbreitet ist zudem die Ansicht, dass eine rheumatische Erkrankung wie die axSpA mit erhöhten Entzündungswerten im Labor einhergehen müsse. Dem ist nicht so. Und auch ein genetischer Risikofaktor wie der HLA-B27, muss nicht immer Teil der Erkrankung sein. Aufklärung dazu – auch unter Mediziner:innen – tut Not.
Welche Warnsignale sollten Betroffene ernst nehmen?
Dr. Manuel Bécède: Der Rückenschmerz, der von einer axSpA ausgeht, tritt typischerweise im unteren Rücken und im Gesäß auf – in der Wirbelsäule und den Kreuzbein-DarmbeinGelenken. Betroffene werden davon in den frühen Morgenstunden wach und können meist erst wieder einschlafen, wenn sie sich kurz bewegt haben. Nach dem Aufstehen kommt es dann in der Regel zu einer sogenannten Morgensteifigkeit. Dr.
Harald Leiss: Zu beachten sind auch familiäre Häufungen, nicht nur axSpA-Diagnosen, sondern auch andere entzündliche Erkrankungen wie Schuppenflechte, ein schmerzender ‚Tennisellenbogen‘, gleichwohl nie Tennis gespielt wurde, Probleme mit der Achillessehne, Regenbogenhautentzündungen oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED). Sie alle können in Verbindung mit einer axSpA stehen.
Wie unterscheidet sich eine axSpA von gewöhnlichen Rückenschmerzen oder anderen rheumatischen Erkrankungen?
Dr. Manuel Bécède: Der Hauptunterschied ist das Schmerzmuster in Ruhe. Während sich beispielsweise Bandscheibenschmerzen mit Bewegung verschlimmern, lässt der Schmerz bei einer axSpA mit Bewegung nach. Die Erkrankung verläuft zudem schleichend und schubweise. Nach und nach erstarrt die Wirbelsäule, sodass insbesondere die Rotation immer mehr eingeschränkt wird. Betroffene bewegen sich im fortgeschrittenen Stadium wie einst die ersten Roboter.
Dr. Harald Leiss: Typisch ist auch, dass der Schmerz nicht irgendwann verschwindet. Wer beispielsweise um die Gehsteigkante knöchelt, kann, wenn auch unter Schmerzen, oft noch weiterlaufen. Am nächsten Tag geht dann gar nichts mehr. Doch die Verletzung heilt. Die axSpA dagegen grüßt jeden Morgen aufs Neue – wie das Murmeltier aus dem gleichnamigen Film.
Warum ist eine frühzeitige Diagnose so entscheidend und welche Folgen kann eine verspätete Behandlung haben?
Dr. Manuel Bécède: Das Versteifen der Wirbelsäule geschieht unaufhaltsam und ist irreversibel. Die schmerzfreien Intervalle werden immer kürzer. Das heißt, dass Schäden nicht rückgängig gemacht werden können. Deshalb gilt: Je früher die axSpA festgestellt und behandelt wird, desto besser. Denn was einmal verknöchert, bleibt verknöchert.
Welche modernen Behandlungsmöglichkeiten stehen heute zur Verfügung und welche Ziele verfolgt eine zeitgemäße Therapie?
Dr. Harald Leiss: Noch ist die axSpA nicht heilbar. Doch es gibt seit gut 25 Jahren eine effektive, wirksame Behandlungsmöglichkeit, die gut mit Sicherheitsdaten behaftet ist und überschaubare Nebenwirkungen hat. Zum Einsatz kommen sogenannte Biologika, die gezielt entzündungsfördernde Botenstoffe aus dem Spiel nehmen. Diese Immunmodulation wird größtenteils subkutan verabreicht – regelmäßig ca. alle zwei bis vier Wochen. Alternativ besteht die Möglichkeit der Infusionen. Seit einigen Jahren stehen zudem sogenannte Januskinase-Inhibitoren (JAKi) in Form von Tabletten zur Verfügung, die täglich eingenommen werden. Sie beugen den Gelenkentzündungen auf molekularer Ebene vor.
Dr. Manuel Bécède: Ziel der Therapie ist neben der Schmerzlinderung bis hin zur Schmerzbefreiung immer der Erhalt und möglichst eine Verbesserung der aktuellen Beweglichkeit. Denn diese dient auch der Haltung sowie Koordination – und mindert zugleich die Sturzgefahr.
Welche Rolle spielen Bewegung, Physiotherapie und ein aktiver Lebensstil im Umgang mit der axSpA?
AxSpA-Patient:innen profitieren sehr von Bewegung – insbesondere von Bewegung, die den Rumpf, also Bauch und Rücken stärkt. Unser Oberarzt riet einst: ‚Turne bis zur Urne!‘. Und da ist etwas Wahres dran: Neben den medikamentösen Therapien gegen die Verknöcherung und gegen die Schmerzen, die immer voraus gehen sollten, ist Bewegung eine der tragenden Säulen der Behandlung von axSpA. Digitale Gesundheitsangebote und Plattformen gewinnen zunehmend an Bedeutung.
Welchen Nutzen bieten sie Betroffenen – bei Information, Früherkennung und dem Umgang mit der Erkrankung?
Jede:r sollte wissen, dass Rückenschmerzen kein Preis sind, der zu zahlen ist, wenn wir älter werden. Wenn der Rücken über längere Zeit schmerzt, ist ärztliche Abklärung ratsam. Mit dem Internetportal www.gelenk-schmerz. at bieten wir leicht verständliche Aufklärung rund um Gelenkschmerzen. Es gilt, die oft noch zu langen Wege zur Diagnose zu verkürzen und Betroffene rascher in Behandlung zu bringen, um ihre Gesundheit und damit ihre Lebensqualität zumindest aufrechtzuerhalten oder bestenfalls zu verbessern.
Mehr über Alfasigma erfahren: Entdecken Sie das Unternehmen, seine Gesundheitsbereiche sowie Informationen zu den verschiedenen Produkten und wissenschaftlichen Schwerpunkten
https://www.alfasigma.com/
1 IMAS-Report 2024 von der Axial Spondyloarthritis International Federation (ASIF), www.bechterew.at/de/imas-report-2024-kopie.html 2
2 Rheumareport 2025, www.bechterew.at/de/rheumareport-2025.html Diese Information dient ausschließlich der allgemeinen Aufklärung über die Erkrankung axiale Spondyloarthritis Sie stellt keine Werbung für Arzneimittel oder Therapieformen dar