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Über das Wunderorgan Darm

Illustration about Gut Bacteria on old Paper
Illustration about Gut Bacteria on old Paper
iStock/TLFurrer

Von außen betrachtet ähnelt der menschliche Verdauungstrakt einem fünf bis sieben Meter langen „schlauchartigen“ Gebilde, das bei den Lippen beginnt und am Anus endet. Es ist keine Untertreibung, vom „Wunderorgan Darm“ zu sprechen.

Prof. Dr. Alexander Moschen, PhD

Universitätsklinik für Innere Medizin Innsbruck

Neben beachtlicher Leistung auf den Gebieten Verdauung, Resorption und Sekretion, ist die intestinale Physiologie aufs Engste mit der Physiologie von Stoffwechsel und Energiebalance verwoben.

So werden von den Zellen des Darmepithels dutzende gastrointestinale Peptidhormone gebildet, die nicht nur Lokalfunktionen des Darms wie die Motilität, sondern auch Stoffwechselfunktionen in Bauchspeicheldrüse und Leber regulieren. Die Erforschung der Mechanismen der „Darm-Hirn-Achse“ läuft auf Hochtouren und versorgt uns mit spannenden neuen Erkenntnissen. Schließlich beherbergt unser Gastrointestinaltrakt auch noch das größte Teilimmunsystem unseres Körpers. Unser Darm ist sozusagen „innere Außenwelt“. Selbstverständlich gilt es auch hier, die Integrität unseres Körpers vor potenziell negativen äußeren Einflüssen zu schützen.

Das „Organ im Organ“

Dies ist umso bemerkenswerter, da sich in unserem Darm noch ein weiterer relevanter Mitspieler eingenistet hat, nämlich die Keimwelt unseres Darmes, unsere „intestinale Mikrobiota“. Diese bezeichnen wir zu Recht als „Organ in einem Organ“, dessen Funktionen für unseren gesamten Organismus relevant sind. Für alles, was wir zu uns nehmen, besteht seitens der Verdauungsenzyme, mikrobielle Untermieter und spezialisierte Zellen unseres Hormon- und Nervensystems und Darm-Immunsystems, höchstes Interesse und Interaktion. Und wir bekommen kaum etwas davon mit!

Daran krankt der Darm

Problematisch wird es, wenn wir etwas von alledem mitbekommen. Denn aus den oben genannten Gründen führen viele Ursachen zu einer überschaubaren Anzahl von gastrointestinalen Symptomen wie veränderte Stuhlfrequenz, Aufgetriebenheit mit oder ohne Gasen, ungewöhnliche Darmgeräusche und mehr oder minder ausgeprägte, abdominelle Schmerzen. Der Großteil der PatientInnen leidet unter sogenannten funktionellen gastrointestinalen Beschwerden, die wir nicht als Reizdarm, sondern als Erkrankung der Darm-Hirn-Interaktion bezeichnen. Da viele über eine Zunahme der Beschwerden nach Nahrungsaufnahme berichten, werden diese oft als Nahrungsmittelunverträglichkeiten fehlinterpretiert. Die Verunsicherung lässt Betroffene häufig auf eigene Faust und Kosten weitere teils fragwürde Untersuchungen wie Mikrobiomanalysen durchführen, die zu unstrukturierten diätologischen Maßnahmen führen.

Methoden zur Diagnostik

Das ärztliche Gespräch ist der Schlüssel zur „Diagnostik mit Augenmaß“. Die Testung auf Calprotektin im Stuhl hift, entzündliche von nicht-entzündlichen Darmerkrankungen zu unterscheiden. Ein Test auf Zöliakie wird selten eingesetzt. Die Spiegelung des Verdauungstraktes mittels Koloskopie spielt für die Dickdarmkrebsvorsorge eine Rolle und wird ab einem Alter von 50 Jahren empfohlen. Auch bei unklaren gastrointestinalen Symptomen ist eine genaue Dickdarmspiegelung gerechtfertigt. Bei unaufälligen Befunden macht die Wiederholung dieser Untersuchung wenig Sinn und führt nur zu Verunsicherung. Der Gastroenterologe kann Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes, wie chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Zöliakie, Tumore etc., mit großer Treffsicherheit diagnostizieren. Das „Reizdarmsyndrom“ ist keine Verlegenheitsdiagnose, sondern eine komplexe Erkrankung, deren Ursachen immer besser verstanden werden. Besonders für die Therapie funktioneller Darmerkrankungen ist eine auf den Patienten individuell abgestimmte Therapieplanung mit realistischen Therapiezielen das Um und Auf. Den meisten Betroffen kann damit geholfen werden.


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