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Kindergesundheit

Ein Mangel, der zur sozialen Schwelle

Credits: shutterstock

Es ist ein Alarmsignal, das Kinderarzt Dr. Peter Voitl absetzt. Vor welchen großen Herausforderungen Kinderärztinnen und -ärzte und das gesamte Gesundheitssystem stehen und welche Forderungen der Bundesfachgruppenobmann für Kinder- und Jugendheilkunde der Österreichischen Ärztekammer daher an die Politik hat, erklärt er im Interview.


Prim. DDr. Peter Voitl

Medizinalrat, Gründer des Kinder­gesundheitszent­rums Donaustadt, Bundesfachgruppen­obmann für Kinder­ & Jugendheilkunde

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Österreich?
Schlecht – und dafür gibt es mehrere Gründe. Es gibt in Österreich einen Mangel an Kinderärzt:innen, der in Wahrheit ein selektiver Mangel ist. Es gibt genügend Wahlärztinnen und -ärzte, aber zu wenige Kinderärztin- nen und -ärzte im solidarischen und niederschwelligen Kassensystem. Wir sehen auf allen Ebenen einen Rückgang der klassischen Kassenmedizin und parallel dazu eine Privatisierung in sämtlichen Bereichen.

Warum ist das problematisch?
Es wird dadurch eine soziale Schwelle eingebaut. Das kann ich auch aus eigener Erfahrung berichten. Ich war eine Zeit lang als Wahlarzt tätig. Es war für mich unerträglich, den aufgeblähten Säugling einer wohlhabenden Familie ausführlich zu untersuchen, während ich das herzkranke Kind, dem ich mit meiner Exper- tise hätte helfen können, nach seiner Herzoperation wegschicken musste, weil es keine Zusatzversicherung hatte. Das ist nicht die Medizin, die ich betreiben will. Das ist keine Kritik an Wahlärzt:innen, denn sie leisten hervorragende Arbeit; und ich bin auch nicht der Meinung, dass man dieses System einschränken sollte – doch die Kassenmedizin muss attraktiver werden.

Wie kann die Kassenmedizin attraktiver werden?
Es braucht Verbesserungen auf verschiedenen Ebenen. Da ist zunächst die Honorarsituation. Für den Mutter- Kind-Pass basieren die aktuellen Tarife auf jenen der frühen 1990er Jahre. Wir brauchen außerdem pädiatrische Primärversorgungseinheiten. Ich betreibe ein Kindergesundheitszentrum, in dem wir als Team von Ärzt:innen pro Tag rund 300 Patient:innen auf Kassa betreuen können. Darüber hinaus ist es nach wie vor unverständlich, warum Oberärztinnen und -ärzte in Krankenhäusern nebenbei keine Kassenordinationen führen dürfen. Diese Absurdität stammt noch aus der Zeit des Überschusses an Ärzt:innen. Es würde unserem System heute aber sehr helfen, wenn fünf bis zehn Wochenstunden nicht etwa als Wahlärztin/-arzt, sondern als Kassenkinderärztin/-arzt geleistet werden dürften.

Wohin wird sich die Kinder- und Jugendmedizin in Österreich in den nächsten zehn Jahren entwickeln? Wir erleben den größten Umbruch im medizinischen System seit dem Zweiten Weltkrieg. Durch den zunehmenden Mangel an Ärzt:innen, der auch durch den Pillenknick bedingt ist, erschöpft sich das aktuelle System. Die Privatmedizin springt ein und die Kassenmedizin wird zurückgefahren. Diesen Systemumbruch müssen wir ernst nehmen und Schritte dagegen unternehmen.

Im Vorfeld dieses Gesprächs haben wir um Statements des Gesundheitsministeriums und der Österreichischen Gesundheitskassa angefragt. Leider sind beide Stellen unserer Anfrage nicht nachgekommen.
Die Hauptproblematik des österreichischen Gesundheitswesens war und ist die Zersplitterung von Kompetenzen. Jeder ist für einen Teilbereich zuständig und versucht, in diesem Kosten zu sparen. Darüber gibt man natürlich nur ungern Auskunft. Es geht bei vielen Themen rein darum, wer welche Kosten übernimmt und was man dafür bekommt. Ich war etwa bei einigen Verhandlungsrunden zu den Primärversorgungseinheiten dabei. Wir haben oft stundenlang über absurde Details gesprochen, an denen es sich dann spießt.

Wenn Ihnen Vertreter:innen von Gesundheitsministerium und Österreichischer Gesundheitskassa gegenübersitzen würden, welche Forderungen hätten Sie?
Erstens: Forcierung der Primärversorgungseinheiten für Kinderheilkunde. Damit kann man kostengünstig eine gute Versorgungswirklichkeit erzielen – sowohl quantitativ als auch qualitativ. Zweitens: Die Situation um die Mutter-Kind-Pass-Honorare empfinden wir mittlerweile als mangelnde Wertschätzung. Die Untersuchungen sind für uns ein Defizit.

Gibt es hier denn nicht Tendenzen zur Lösung seitens der Politik?
Wir stoßen seit nun mehr zwanzig Jahren auf furchtbar viel Verständnis. Jede:r Gesundheitsmininister:in sagt, dass dringend etwas getan werden muss – bis zur nächsten Wahl, dann geht das Spiel wieder von vorne los. Es passiert schlicht nichts auf diesem Gebiet. Das liegt sicherlich auch an der Konstellation des Familienlastenausgleichsfonds. Daher werden wir Kassenärztinnen und -ärzte mit Ende März nächsten Jahres diese Leistungen kündigen, wenn bis dahin keine Lösung in den Gesprächen absehbar ist.

Soziale Leistungen wie das Kinderbetreuungsgeld sind an den Mutter-Kind-Pass geknüpft. Fördert eine Privatisierung hier nicht zusätzlich noch das soziale Ungleichgewicht?
Genau! Wenn der Mutter-Kind-Pass privatisiert wird, wird das eine massive Verschlechterung mit sich bringen. Die, die es sich nicht leisten können, fallen damit auch um das Kinderbetreuungsgeld. Wir haben hier lange genug zugesehen und können die aktuelle Situation nicht mehr tragen, sollte es zu keiner Lösung kommen. Eine weitere Forderung an die verantwortlichen Stellen ist außerdem die Übernahme der Lehrpraxis. Junge Kolleg:innen sollen so die zentralen Elemente der Kinderheilkunde, nämlich die Untersuchungen des Mutter-Kind-Passes und das Impfwesen, in der Praxis kennenlernen. Das ist derzeit aufgrund der missglückten Ausbildungsordnung sowie der fehlenden Finanzierung nicht möglich.

Viele Eltern fühlen sich nun vielleicht verunsichert. Gibt es etwas Positives, das sie zum Abschluss mitgeben können?
Ich möchte das enorme Engagement meiner Kolleg:innen hervorheben, die selbst unter den schwierigen Bedingungen der letzten Jahre zwischen Coronapandemie und Patient:innenansturm eine medizinische Versorgung auf sehr gutem Niveau angeboten haben. Das muss für meine Kolleg:innen sprechen, die trotz widriger Umstände täglich Großartiges leisten.

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