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Kindergesundheit

Für jedes Schloss den richtigen Schlüssel

Foto: Africa Studio via Shutterstock

Prim. Dr. Christian Kienbacher

ärztlicher Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie des SOS-Kinderdorfs

Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Christian Kienbacher erklärt, wie psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen entstehen und warum zur Behandlung das Schlüssel-Schloss-Prinzip essenziell ist.

Das Thema psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen ist ein sehr breites. Wie und warum entstehen psychische Erkrankungen?

Es ist, genauso wie Sie es gerade sehr schön formuliert haben, breit. Wir sagen dazu auch multifaktoriell. In der Betrachtung von psychischen Erkrankungen gibt es sowohl Risiko- als auch Schutzfaktoren, die entweder eine Erkrankung zum Ausdruck kommen lassen oder nicht. So ist etwa das soziale Umfeld eine wesentliche Ressource, ebenso wie Anpassungsfähigkeit, Selbstwert und – das haben wir gerade im Rahmen der Corona-Pandemie gesehen – ausreichend Wohnraum und eine stabile finanzielle Lage. Im Gegensatz dazu können unter anderem dysfunktionale Erziehungsmethoden, disharmonische Eltern, das individuelle Temperament des Kindes sowie die Genetik und pränatale Erfahrungen Risikofaktoren sein.

Wenn Eltern Anzeichen erkennen, dass ihr Kind an einer psychischen Erkrankung leiden könnte, was sollten die ersten Schritte sein?

Bei Profis abklären lassen. Wenn es zum Beispiel um die Themen Konzentration, Merkfähigkeit oder Probleme bei der schulischen Leistungserbringung geht, können sich klinische Psychologinnen und Psychologen der Sache annehmen. Bei komplexeren und weiter ausgereiften Problemen sind Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiater die Fachleute.

Wie kann man als Elternteil das Kind möglichst gut durch Erkrankungen begleiten?

Wichtig ist die Offenheit gegenüber notwendigen Interventionen. Viel zu oft wird zu spät reagiert. Je mehr sich ein Problem in die Länge zieht, desto länger braucht man auch wieder, um aus dieser schwierigen Situation herauszukommen. Wir möchten den Eltern auch die Angst vor den „Psy-Berufen“, also Psychologinnen und Psychologen, Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Psychiaterinnen und Psychiater, nehmen. In all diesen Berufsgruppen sind wir in Österreich sehr gut ausgebildet – auch wenn wir leider viel zu wenig sind.

Wie können Eltern dem sozialen Umfeld, aber auch dem Kind selbst die psychische Erkrankung erklären?

Nicht anders, als man eine körperliche Erkrankung erklären würde. Die Frage ist, worin die Notwendigkeit der Erklärung liegt. Es braucht sich niemand für eine psychische Erkrankung, die immer eine multifaktorielle Genese hat, genieren! In den letzten Jahren ist vieles an Entstigmatisierung passiert. Wichtig ist, dass für jedes Kind die richtige Form der therapeutischen Behandlung gefunden wird – ganz nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip.

AUF DIE ZEICHEN ACHTEN: TIPPS FÜR ELTERN

Alarmsignale ernst nehmen!

Worauf Eltern und das soziale Umfeld achten können, wenn es um Anzeichen psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen geht, ist individuell verschieden. Dennoch gibt es ein wichtiges und zentrales Alarmsignal.

Hast du dich verändert …

Ein elementares Anzeichen für mögliche psychische Erkrankungen ist die Veränderung. Psychische Erkrankungen sind keine Charakterstörungen. Nahe Angehörige können daher Veränderungen bei Kindern und Jugendlichen wahrnehmen.

… und wenn ja, wie?

Etwa dann, wenn Kinder früher sehr offen waren und auf einmal verschlossener oder wortkarger sind. Oder wenn zum Beispiel die Aufmerksamkeit und Konzentration in der Schule nachlässt. Und auch dann, wenn auf einmal Erinnerungsattacken an Traumaereignisse oder Ängste und Zwänge entstehen.

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