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Dermatologie

Chronisch spontane Urtikaria (CSU): Update zur Behandlung juckender Quaddeln und Schwellungen 

Nahaufnahme von Hauttextur mit schwerer Urtikaria oder Nesselsucht oder Kaligata auf der Rückseite. Allergische Symptome.
Nahaufnahme von Hauttextur mit schwerer Urtikaria oder Nesselsucht oder Kaligata auf der Rückseite. Allergische Symptome.
© wisely - Shutterstock.com

Dr.in med. univ. Cornelia Gattringer, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Leitende Oberärztin am A.ö. Landeskrankenhaus (Univ.-Kliniken) Innsbruck, erklärt, was Urtikaria ist, wie sich die akute von der chronischen Form der Hautkrankheit unterscheidet und wie sich auch die chronische spontane Urtikaria mit moderner systemischer Stufentherapie in den Griff bekommen lässt.

Interview: Dr.in med. univ. Cornelia Gattringer Leitende Oberärztin  Universitätsklink für  Dermatologie, Venologie und Allergologie Innsbruck

Dr.in med. univ. Cornelia Gattringer

© Die Fotografen

Oberärztin  Universitätsklink für  Dermatologie, Venologie und Allergologie Innsbruck

Was ist eine chronische spontane Urtikaria? 

Die Urtikaria ist eine Hauterkrankung, die schubweise auftritt. Sie zeigt sich in jedem Alter, die meisten Betroffenen sind jedoch zwischen 30 und 50 Jahre alt. Frauen trifft die Erkrankung häufiger als Männer. Typisch ist der plötzliche Auftritt von oberflächlichen, extrem juckenden Quaddeln sowie tiefen Gewebsschwellungen (Angioödemen). Diese erscheinen oft im Gesicht, was das Erscheinungsbild kurzfristig deutlich verändern kann, an den Händen und selten im Genitalbereich. 

Die einzelnen Quaddeln und Schwellungen verschwinden in der Regel innerhalb von 24 Stunden wieder. Je nach Ausprägung treten täglich neue Hautveränderungen auf, ein- bis zweimal in der Woche oder seltener. Meistens hält ein Urtikaria-Schub zwischen wenigen Tagen und einigen Wochen (akute Form) an. Seltener ist der chronische schubweise Verlauf, der mehrere Monate bis Jahre andauern kann.

Zeigt sich die Erkrankung ohne erkennbaren äußeren Auslöser, sprechen wir von einer spontanen entweder akuten oder chronischen Urtikaria. Im Unterschied dazu tritt die Urtikaria auch als Reaktion auf physikalische Reize wie Kälte, Druck oder Scherenkräfte auf (induzierbare Urtikaria). Mitunter haben die Patient:innen sogar beide Formen: die spontane und die induzierbare.

Warum wird die Erkrankung oft unterschätzt und wie sehr kann sie das Leben der Betroffenen beeinträchtigen? 

Unterschätzt wird eine chronisch spontane Urtikaria oft, weil sie an sich nicht lebensbedrohlich ist. Dennoch kann insbesondere der starke Juckreiz, den sie mit sich bringt, die Lebensqualität der Betroffenen arg beeinträchtigen: Er stört sie nicht nur tagsüber, sondern auch nachts. Fehlt es ihnen an Schlaf, kommt es schnell zu Konzentrationsproblemen und Schlafmüdigkeit (anhaltendes Erschöpfungsgefühl und Tagesschläfrigkeit) – und infolgedessen auch zu psychiatrischen Begleiterkrankungen, die ihrerseits die Lebensqualität drücken und einer Behandlung bedürfen.

Welche Informationen sind für eine rasche Diagnose der chronischen spontanen Urtikaria besonders hilfreich? 

Dermatolog:innen können die Diagnose Urtikaria mit einem ausführlichen Patient:innengespräch und einem Sichtbefund zuverlässig stellen. Aber: Da die einzelnen Quaddeln rasch wieder von allein verschwinden, ist es sinnvoll, die Hautveränderungen bei ihrem ersten Auftritt zu fotografieren. Nicht selten werden Patient:innen bei uns Fachärzt:innen ohne akute Quaddeln vorstellig – ein Foto hilft bei der Befundung. Wichtig zu wissen, ist auch, dass nicht jede Quaddel automatisch die Diagnose Urtikaria bedeutet. Betroffene sollten sich deshalb immer fachärztlich untersuchen lassen, was die Grundlage für eine passende Therapie darstellt.

Wie behandeln Sie eine chronisch spontane Urtikaria?

Uns stehen heute wirkungsvolle Medikamente zur Verfügung, die wir als systemische Stufentherapie einsetzen – lokal aufgebrachte Cremes und Salben sind bei einer Urtikaria wirkungslos. Stufe 1 stellen Tabletten mit Antihistaminika als Wirkstoff dar, die einmal pro Tag einzunehmen sind. Schlagen die Mittel nicht an, haben wir aktuell drei weitere Therapien mit einem anderen Wirkmechanismus: Zwei davon werden unter die Haut (subkutan) gespritzt, eine dritte, ganz neue, liegt als Tablette vor. Anders als noch vor 10, 15 Jahren bekommen wir die chronisch spontane Urtikaria damit sehr gut in den Griff. Die Betroffenen haben unter der Therapie kaum Einbußen ihrer Lebensqualität zu befürchten. Zu den Antihistaminika ist noch anzumerken, dass die heutigen Präparate der Generation 2 die Patient:innen nicht mehr so sehr ermüden wie noch die Vorgängergeneration.

Welche Missverständnisse rund um Urtikaria begegnen Ihnen in der Praxis am häufigsten? 

Häufig denken die Patient:innen, dass die Erkrankung durch Histamin, das sie über die Nahrung aufnehmen, verursacht oder gefördert wird. Das ist nicht der Fall – die Urtikaria wird von jenem Histamin beeinflusst, das der Körper selbst freisetzt. Insofern haben spezielle Diäten, bei denen auf histaminarme Lebensmittel gesetzt wird, kaum bis keinen Effekt. Dasselbe gilt für Zucker und Gluten. Eine Ernährungsumstellung ist also nicht zielführend.

Warum sollten Betroffene nicht aufgeben?

Wir arbeiten inzwischen mit standardisierten Fragebögen, mit deren Hilfe wir die Urtikaria im Rahmen der Verlaufskontrolle recht gut beurteilen können: Anhand des Ergebnisses können wir heute besser einschätzen, ob mit einem massiven Ausbruch der Erkrankung zu rechnen ist. Je nachdem, ob die Erkrankung aktuell als unkontrolliert, kontrolliert oder komplett erscheinungsfrei eingestuft wird, lässt sich die Therapie anpassen. Diese Bewertung hilft den Betroffenen, denn sie nimmt die Sorge vor der großen Unbekannten: Wann kommt die nächste Quaddel?

Welche Möglichkeiten haben Betroffene heute, ihre Erkrankung besser in den Griff zu bekommen? 

Je eher ärztlicher Rat gesucht wird, desto schneller kann die Therapie starten. Und die zeigt rasch Wirkung: Wir können die chronisch spontane Urtikaria zwar noch nicht heilen, aber die Krankheitsaktivität effektiv unterdrücken – ohne nennenswerte Nebenwirkungen.

KÖNNTE ICH AN CHRONISCHER SPONTANER URTIKARIA LEIDEN? 

Juckende Quaddeln oder plötzliche Hautreaktionen können sehr belastend sein. Mit den folgenden Fragen können Sie einschätzen, ob Hinweise auf eine Urtikaria vorliegen:

  1. Haben Sie plötzlich juckende Quaddeln auf der Haut?
  2. Verschwinden diese innerhalb von 24 Stunden wieder?
  3. Treten die Quaddeln an wechselnden Stellen auf?
  4. Haben Sie Schwellungen im Gesicht, an den Händen oder Füßen?
  5. Treten Beschwerden ohne erkennbaren Auslöser auf?
  6. Halten die Beschwerden länger als sechs Wochen an?
  7. Beeinträchtigt der Juckreiz Ihren Schlaf oder Alltag?
Hinweis: Dieser Selbsttest dient ausschließlich einer ersten Orientierung und ersetzt keine ärztliche Diagnose. Wenn Sie mehrere der genannten Fragen mit „Ja“ beantworten oder Ihre Beschwerden länger als sechs Wochen bestehen, wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt. Bei starken oder plötzlich auftretenden Schwellungen, insbesondere im Bereich von Mund, Zunge oder Hals, oder bei Atembeschwerden suchen Sie bitte umgehend medizinische Hilfe auf.

Urtikaria besser verstehen 

Am 1. Oktober lädt der Verein ChronischKrank zu einem Online-Event rund um das Thema Urtikaria ein.

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