Priv. Doz.in Dr.in Yvonne Winhofer-Stöckl, Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen mit zwei Emc2-Stoffwechsel- und Studienzentren in Wien und Mattersburg erklärt im Interview die Vorteile von Geräten zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) für Menschen mit Diabetes 1, Diabetes 2, Prädiabetes und Schwangerschaftsdiabetes
Was sind CGM-Systeme und wie funktionieren sie?
Ein CGM ist ein Gerät, das rund um die Uhr den Glukosegehalt in der Gewebeflüssigkeit des Unterhautfettgewebes misst und diesen Wert in eine App überträgt. Dafür wird ein kleiner Sensor am Körper angebracht, dessen Messfühler knapp unter der Haut liegt. Wichtig: Die Werte, die ein CGM-Gerät anzeigt, liegen etwa 15 Minuten hinter den Blutwerten zurück. Doch das ist kein Nachteil, schließlich interessiert uns ja, wie viel von dem Zucker, den das Blut transportiert, tatsächlich in den Zellen des Körpergewebes ankommt.
Welche Vorteile haben CGM-Systeme verglichen mit der klassischen Blutzuckermessung per Fingerpieks insbesondere in Bezug auf nächtliche Unterzuckerung?
Bei der klassischen Blutzuckermessung mit Lanzettenstich in den Finger und Teststreifen ergeben sich punktuelle Echtzeit-Blutzuckerwerte. Menschen mit Diabetes 1 beispielsweise, die sich Insulin spritzen müssen, stechen sich sechs- bis achtmal am Tag – und verwunden sich dabei ebenso häufig an den Fingerspitzen. Die kontinuierliche Messung liefert zwar auch punktuelle Glukosewerte, doch in Summe wesentlich mehr, da hier alle paar Minuten Werte ermittelt werden. Aus den unzähligen Werten erstellt die zugehörige App gemäß verschiedener Aspekte aussagekräftige Zeitlinien zum Glukosehaushalt: Steigt der Blutzuckerspiegel? Fällt er? Schwankt er außergewöhnlich? Da die Benutzer:innen der CGM in der App zugleich erfassen können, was sie essen und trinken und wie körperlich aktiv sie gerade sind, lassen sich Rückschlüsse zur Verstoffwechselung der Speisen und Getränke ziehen. Das Biofeedback, das die Geräte liefern, ist eine große Chance, um die individuelle ‚Zuckererkrankung‘ bestmöglich kennenzulernen und zu bewältigen. Gerade die noch immer verbreitete Angst vor einer nächtlichen Unterzuckerung wird mit einem CGM-System sehr gut händelbar. Nicht zu vergessen: Auch die Hygiene der Blutzuckermessung hat sich mit CGM-Geräten deutlich verbessert – sie ist weniger blutig geworden. Das erleichtert den Alltag der Betroffenen ungemein.

Wie haben CGM-Systeme das Risiko für Unterzuckerung verändert?
Noch vor zehn Jahren waren lebensbedrohliche Unterzuckerungen (Hypöglykämien) Standard bei Menschen mit Diabetes, die Insulin spritzen oder blutzuckersenkende Tabletten einnehmen müssen. Dank CGM sind Unterzuckerungen heute eher die Ausnahme und schwere sehr selten. Der Grund für diese Entwicklung: Die Auswertung der kontinuierlich erhobenen Messwerte erlaubt auch Prognosen zum Glukosehaushalt. Das ist bei einer aufkommenden Unterzuckerung von Vorteil. Mit einem CGM-Gerät haben die Risikopersonen selbst und auch ihre Angehörigen ein zuverlässiges Frühwarnsystem, das Alarm schlagen kann, wenn bestimmte Werte unterschritten werden. Es gilt: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt.
Was bedeutet dieser zeitliche Vorsprung ganz konkret für die Lebensqualität von Menschen mit Diabetes und ihren Angehörigen?
Die Betroffenen bekommen Zeit, zu handeln. Sie können frühzeitig Medikamente einnehmen und so einer sich ankündigenden Unterzuckerung vorbeugen. Das ist zum Beispiel besonders spannend für Eltern von Kindern mit Diabetes. Sie bekommen über die App regelmäßige Updates zum Glukosehaushalt ihres Kindes, das in der Schule oder beim Sport ist. Werden die Werte bedenklich, bleibt den Eltern ausreichend Zeit, einzugreifen. Mit Alarm- und Vorhersagefunktion von CGM-Systemen wird der Alltag somit sicherer und sorgenfreier. Das steigert die Lebensqualität aller Beteiligten, die der Betroffenen und die ihrer Angehörigen
Wie kommt es zur Unterzuckerung?
Mit meiner langjährigen, auch klinischen Erfahrung sehe ich die Ungeduld der Menschen als häufigsten Grund: Wer einen außergewöhnlich hohen Glukosewert misst, spritzt Insulin nach, man ennt das Korrektur. Deren zuverlässige Wirkung entfaltet sich jedoch über Stunden. So manche:r Betroffene:r wird aus Sorge vor zu hohem Blutzucker ungeduldig und spritzt zu früh Insulin nach. Dadurch kommt es dann zur gefährlichen Unterzuckerung. Spannend ist dabei auch, dass sich der Körper an zu niedrige Blutzuckerwerte gewöhnen kann: Je häufiger er eine Unterzuckerung erlebt, desto weniger alarmieren ihn niedrige Werte. Die typischen Symptome wie Zittern, Schwitzen etc. fehlen oft.
Für welche Personen ist ein CGM-System mit Vorhersagen für nächtliche Unterzuckerungen interessant und wie erhält man dieses?
Sobald jemand mit Diabetes Insulin braucht, ist ein CGM-Gerät ein Muss. Das heißt: Jede:r von Diabetes 1-Betroffene sollte die Erkrankung dauerhaft damit managen. Auch die zunehmende Zahl der Menschen mit Diabetes 2 profitiert davon, wenn sie beispielsweise alle drei bis sechs Monate für 14 Tage ein CGM-Gerät nutzt. Und wer bereits einen Prädiabetes hat, kann mit einem CGM den Blutzucker im Auge behalten – wie andere mit einer Waage ihr Gewicht. Insbesondere Schwangere können in den Monaten, in denen das Risiko für einen Schwangerschaftsdiabetes steigt, ihren Glukosehaushalt gut kontrollieren und rechtzeitig handeln, falls die Werte kippen. In speziellen Zentren wird bereits viel mit CGM gearbeitet. Aber: Noch sehen die österreichischen Leitlinien CGM-Geräte nicht für alle vor, sodass die Sozialversicherung deren Einsatz oft noch nicht bezuschusst.
Wie ändern CGM-Geräte die Ärzt:innen-Patient:innen-Beziehung?
Früher waren wir Ärzt:innen auf punktuelle Blutwerte zweimal im Jahr und die Berichte der Patient:innen angewiesen, um Verläufe der Erkrankung zu bewerten. Heute kann ich auf dichte Datenreihen schauen. Für meine Patient:innen bin ich immer erreichbar, wo auch immer sie gerade sind. Bei Problemen gehe ich direkt ins System und kann sofort meine Einschätzung und gegebenenfalls Handlungsanweisungen geben, nicht erst beim Ärztinnebesuch Monate später. Auch das erleichtert die Krankheitsbewältigung.
WELCHE FUNKTIONEN BEIM CGM WICHTIG SIND
- Einfache Handhabung und stabile Verbindung mit Ihrem Smartphone Übersichtliche Verlaufsdarstellung
- Zuverlässige Alarme, die Sie auf Ihre Grenzwerte anpassen können
- Übermittlung der CGM-Daten an Ihr Diabetes-Team
Nice-to-have: Vorhersagefunktion für mögliche Entwicklungen