Dr.in Mira Sofie Witek, FÄ für Internistische Onkologie und Hämatologie, OÄ und Leiterin des Brustgesundheitszentrums am Uniklinikum Wiener Neustadt, erklärt, was die Diagnose metastasierter Brustkrebs (Mammakarzinom) heutzutage für Patientinnen und ihre Behandlung bedeutet.

Dr.in Mira Sofie Witek
© UKWN/SCHOBERARTS
Ass.-Prof. Dr.in Mira Sofie Witek, Oberärztin, Klinische Abteilung für Innere Medizin III, Hämatologie und Internistische Onkologie
Metastasierter Brustkrebs: Womit bekommen es Patientinnen zu tun?
Metastasierter Brustkrebs bedeutet nicht nur eine Krebsgeschwulst (Tumor) in der Brust. Es handelt sich um einen Krebs, der sich – ausgehend von der Brust – bereits über die Lymphe und/oder das Blut im Körper ausgebreitet hat. Häufig finden sich Tochtergeschwülste (Metastasen) in Leber, Lunge, Knochen oder Gehirn.
Was bedeutet diese Diagnose 2026 – verglichen mit vor 10 – 15 Jahren?
Ein metastasierter Brustkrebs gilt zwar bis heute als nicht heilbar, doch wir können ihn inzwischen so behandeln, dass er über lange Zeit kontrollierbar bleibt, und mitunter sogar seinen fortschreitenden Verlauf bremsen.
Das gelingt, weil wir die molekulare Beschaffenheit vieler Tumortypen immer exakter diagnostizieren können. Und das nicht mehr nur mittels aufwendiger und für die Betroffenen unangenehmer Biopsien von Tumorgewebe, sondern auch zunehmend mit Flüssigbiopsien (Liquid Biopsy), bei denen wir in einer Blutprobe nach Tumorzellen mit der tumorspezifischen DNA suchen, um zielgerichtete Behandlungspfade zu entwickeln – passgenau zugeschnitten auf die Tumoren und die Bedarfe der Patientinnen, die wir als biopsychosoziale Wesen immer ganzheitlich in den Behandlungsprozess einbeziehen.
Ändert sich damit das medizinische Verständnis der Erkrankung?
Ja. Galt Brustkrebs, insbesondere in einem fortgeschrittenen, metastasierten Stadium, früher als Todesurteil, sehen wir ihn heute als eine meist langfristig behandelbare chronische Erkrankung. Auch wenn die Patientinnen ihren Alltag für die Behandlung ein Stück weit verändern müssen, ist mit der Erkrankung ein Leben in guter Qualität möglich.
Sie erwähnten Brustkrebstypen: Ist Brustkrebs nicht gleich Brustkrebs?
Nein. Es gibt Untergruppen, die sich auf Zellebene unterscheiden – selbst innerhalb eines Tumors sind die Zellen oft heterogen beschaffen. Aus der biologischen Unterschiedlichkeit ergibt sich ein unterschiedliches Tumorverhalten, das wiederum ausschlaggebend für die Behandlung ist. Wichtig zu wissen, ist, dass die Brustkrebszellen auch erst mit der Zeit und unter dem Druck der Therapien mutieren können. Deshalb sollte der Tumor im Krankheitsverlauf immer wieder untersucht werden, um die Therapie gegebenenfalls anzupassen. Mitunter weisen neue, veränderte Symptome auf eine Mutation hin, deshalb sollten Patientinnen gerade darüber sehr offen mit uns sprechen.
Mit Blick auf den häufigsten Brustkrebstyp ER+/HER2-: Welche Therapien gibt es und wie entscheiden Sie, welche zum Einsatz kommt?
Neben der klassischen Chemotherapie stehen uns inzwischen auch einige zielgerichtete Therapien zur Verfügung. Beispielsweise können wir die antihormonell wirkende Behandlung um zielgerichtete Substanzen ergänzen, wodurch eine verstärkte Wirkung bei hormonabhängigen Krebstypen wie ER+/HER2- erzielt und somit der Krebs effizient kontrolliert werden kann. Andererseits gibt es die Substanzklasse der Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, die gezielter gegen die Krebszellen wirken als klassische Chemotherapien.
Die Wahl der Therapie hängt zum einen von der Krebsbiologie ab, zum anderen ist entscheidend, was die Patientinnen an – mitunter auch von Metastasen bereits verursachten – Begleiterkrankungen und zugehörigen Symptomen mitbringen, und wie es ihnen körperlich sowie seelisch geht.
Über die bestmögliche Therapie entscheidet ein multiprofessionelles Team mit Fachärzt:innen, Psychoonkolog:innen, Breast Care Nurses und Sozialarbeiter:innen – gemeinsam mit den Patientinnen. Wir versuchen immer, deren persönliche Wünsche zu berücksichtigen.
Welchen Vorteil bringen zielgerichtete Therapien im Vergleich zur Chemotherapie?
Eine klassische Chemotherapie bekämpft ungerichtet alle Zellen, die sich schnell teilen. Sie hat damit bis heute durchaus ihre Berechtigung und ihren Stellenwert, der Einsatz erfolgt aber oft erst deutlich später im Krankheitsverlauf. Wir haben inzwischen zielgerichtete Therapien, die häufig weniger Nebenwirkungen wie Nervenschäden, Haarausfall und Erschöpfung verursachen als eine Chemotherapie.
Dank der diagnostischen und therapeutischen Fortschritte profitieren die Patientinnen von:
- längeren Überlebenszeiten mit höherer Alltagstauglichkeit im privaten wie beruflichen Leben
- individualisierten Therapiesequenzen
- längeren Intervallen ohne Chemotherapie und ihre teils gravierenden Nebenwirkungen.
Insgesamt ist die Lebensqualität von Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs heute also erheblich besser.
Wo steht die Forschung aktuell und was erwarten Sie in den nächsten Jahren?
Die Entwicklung in der Krebsforschung ist sehr dynamisch. Je mehr wir über die Tumoren lernen, desto besser verstehen wir ihr Verhalten. Das hilft uns beispielsweise dabei, zu erkennen, wann die doch recht ‚smarten‘ Tumorzellen Resistenzen gegen unsere Therapien entwickeln, sodass diese an Wirksamkeit verlieren. Frühzeitig erkannt, können wir eingreifen und die Therapie entsprechend umstellen. Ich erwarte auch mehr Einsatzmöglichkeiten für die Liquid Biopsy – der Bluttest erspart den Patientinnen in Zukunft hoffentlich die Entnahme von Gewebeproben.
Welche Rolle spielen klinische Studien – und sollten Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs daran teilnehmen?
Klinische Studien sehe ich als Motor des medizinischen Fortschritts. Patientinnen fürchten oft, dass ihre Teilnahme daran sie zu „Versuchskaninchen“ macht. Das ist jedoch nicht der Fall: Wer an einer passenden Studie teilnimmt, bekommt oft frühen Zugang zu neuen Therapieansätzen und profitiert von der großen medizinischen Expertise, die in die Studie fließt. Die Betreuung der teilnehmenden Patientinnen ist häufig noch engmaschiger und strukturierter, als wir sie im klinischen Alltag bieten können. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil.
5 Vorteile der Liquid Biopsy
Die Flüssigkeitsbiopsie ergänzt die Gewebebiopsie. Anstelle von Gewebe wird Blut untersucht, um Tumorzellen oder Tumor-DNA nachzuweisen, die der Krebs freisetzt. Das hat folgende Vorteile 1:
- Eine Blutentnahme ist weniger aufwendig als eine Gewebeentnahme unter Narkose. Das beschleunigt Diagnose und Behandlungsstart.
- Die Liquid Biopsy erspart Patient:innen Schmerzen verursachende Eingriffe.
- Die Gewebebiopsie liefert nur Informationen zum Gewebe am Entnahmeort. Eine Liquid Biopsy erfasst die gesamte Tumorlast im Körper, also gegebenenfalls auch Metastasen.
- Die Liquid Biopsy erleichtert die Verlaufskontrolle bei Krebs: Mit ihr lassen sich die Therapiewirksamkeit überprüfen und das Wiederauftreten von Krebs i. d. R. früher erkennen als mit Bilddiagnostik.
- Bei Brustkrebs ermöglicht die Liquid Biopsy, Mutationen wie PIK3CA und ESR1 zu identifizieren und somit auch HER2-negativen Brustkrebs zielgerichtet zu behandeln.
¹Selpers: Liquid Biopsy bei Brustkrebs, medizinisch geprüft durch Dr.in Christine Deutschmann, Stand Oktober 2024, abrufbar unter: https://selpers.com/brustkrebs/liquid-biopsy-bei-brustkrebs-liquid-biopsy-bei-brustkrebs/ (abgerufen am 16.06.2026).
2026-06 – MAT-AT-DS-00041, Juni 2026