Univ.-Prof. Dr. Christoph Höller, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Oberarzt und Leiter des Hauttumorzentrums an der Universitätsklinik für Dermatologie der Medizinischen Universität Wien, erklärt am Beispiel von Hautkrebs, was personalisierte Medizin ist und welche Vorteile sie bringt.

Univ.-Prof. Dr. Christoph Höller
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Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Oberarzt, Leiter des Hauttumorzentrums an der Universitätsklinik für Dermatologie der MedUni Wien
Was bedeutet personalisierte Medizin?
Anhand gewisser Marker finden wir eine Therapie, die auf die jeweils individuellen Eigenschaften der Patient:innen beziehungsweise auf ihre spezifische Erkrankungssituation zugeschnitten wird. Bei Hautkrebs geht es etwa darum, die Eigenschaften von Tumorzellen zu identifizieren und die Therapie darauf abzustimmen. Wir wissen heute, dass Tumoreigenschaften von Patient:in zu Patient:in variieren – kein Tumor gleicht dem anderen. Verglichen mit einer klassischen Krebstherapie wie der Chemo ist die personalisierte Therapie effektiver und verträglicher.
Ihr Schwerpunkt liegt auf Hautkrebs. Was hat die personalisierte Medizin hier konkret verändert, und welche Erkrankungen profitieren besonders?
Zusammen mit der modernen Immuntherapie ist die personalisierte Therapie heute der Grund, warum eine Chemotherapie zur Behandlung klassischer Hauttumoren, darunter schwarzer Hautkrebs (Malignes Melanom) oder weißer Hautkrebs im fortgeschrittenen Stadium, nur noch extrem selten angewendet wird und unsere Patient:innen deutlich länger überleben.
- Bei der Immuntherapie geht es darum, eine Art Bremse zu lösen: Tumorzellen sind genetisch veränderte körpereigene Zellen – das Immunsystem erkennt sie deshalb nicht immer als Feind und greift sie nicht an. Bestimmte Medikamente, sogenannte Checkpoint-Inhibitoren, lösen genau diese Bremse und ermöglichen es dem Immunsystem, wieder aktiv gegen den Tumor vorzugehen.
- Bei der personalisierten Therapie schauen wir uns die molekularen Eigenschaften des Tumors an. Ein bekanntes Beispiel ist das BRAF-Gen: Ca. 40 Prozent aller Melanome tragen eine Mutation in diesem Gen, die das unkontrollierte Wachstum der Tumorzellen antreibt. Mit gezielten BRAF-Inhibitoren lässt sich genau dieser Mechanismus blockieren – präzise nach Schlüssel-Schloss-Prinzip, wirksam und mit deutlich weniger Nebenwirkungen als eine Chemotherapie.
Wie läuft eine solche Behandlung für Patient:innen ab – von der Diagnose bis zur individuellen Therapie?
Patient:innen bemerken verdächtige Hautveränderungen entweder selbst oder sie werden bei der Vorsorgekontrolle festgestellt. Die betroffenen Areale werden operativ entfernt und untersucht. Bei positivem Befund hängt die weitere Behandlung von der Tumordicke und dem Metastasierungsrisiko ab. Je nach Befund werden zur Sicherheit weiteres umliegendes Gewebe entfernt und die sogenannten Wächterlymphknoten, die in der Abstrombahn des Tumors liegen, untersucht. Finden sich dort Tumorzellen, spricht das für eine bereits begonnene Metastasierung.
Dann unterscheiden wir zwischen zwei Therapiesettings: Die adjuvante Therapie wird nach der Operation eingesetzt, um verbliebene Tumorzellen zu bekämpfen und einem Rückfall vorzubeugen. Die neoadjuvante Therapie kommt vor der Operation zum Einsatz – mit dem Ziel, dadurch eine bessere Immunantwort gegen den Tumor zu induzieren und damit nach der Operation die Chance auf einen langfristig rückfallfreien Verlauf zu erhöhen. Welche Therapie zum Einsatz kommt, wird auf Basis all dieser Befunde – Tumordicke, Metastasierungsrisiko, molekularer Eigenschaften – individuell abgestimmt: Immuntherapie oder BRAF-Inhibitor.
Wohin wird sich die personalisierte Medizin in den nächsten Jahren entwickeln?
Die Grundlage ist gut. Eine der spannendsten Entwicklungen sind mRNA-basierte ‚Krebsimpfungen‘ – ähnlich dem Prinzip der Corona-Impfung, aber hochindividualisiert: Aus dem Tumorgewebe der Patient:innen werden spezifische Sequenzen identifiziert, auf deren Basis eine maßgeschneiderte ‚Impfung‘ hergestellt wird, die das Immunsystem gezielt gegen genau diesen Tumor trainiert. Erste Studien laufen bereits; derzeit im adjuvanten Setting, also nach der Operation. Der Ansatz ist aufwändig und teuer, aber zeigt, wohin die Reise geht.
Was fasziniert Sie daran, dass der eigene Körper – seine Gene, sein Immunsystem – zum Ausgangspunkt einer solchen maßgeschneiderten Therapie werden kann?
Mich fasziniert, was unser Immunsystem alles kann. Ich erlebe es täglich und bin jedes Mal wieder überrascht, wenn Patient:innen mit weit gestreuten Metastasen in Gehirn, Lunge und Leber so exzellent auf die Immuntherapie ansprechen, dass das Immunsystem bei Patient:innen mit einem hohen Rückfallrisiko die Metastasen von sich aus unschädlich macht. Besser als die beste medikamentöse Therapie ist es aber noch immer, ein Melanom möglichst früh zu erkennen, da es dann meist mit einem kleinen chirurgischen Eingriff geheilt werden kann. In Österreich entdecken wir bereits mehr als die Hälfte der Melanome, wenn sie noch unter einem Millimeter dick sind.
Auf negative Weise fasziniert mich, dass wir heute so genau wissen, dass UV-Strahlung die Hauptverursacherin genetischer Veränderungen der Hautzellen und damit von Hautkrebs ist – und wir dennoch nach angeblich gesunder Bräune streben.