Wenn der Gletscherbach Krimmler Ache 380 Meter in die Tiefe stürzt, entsteht ein feiner Sprühnebel, der weit in die Atemwege derjenigen vordringt, die am Fuße der Krimmler Wasserfälle stehen. Univ.-Prof. Dr. Arnulf Hartl, Immunologe, Leiter des Instituts für Ökomedizin der Paracelsus Medizinische Universität Salzburg konnte gemeinsam mit seinem Team die Wirkung des Sprühnebels als einzigartiges natürliches Heilmittel bei Atemwegsbeschwerden wissenschaftlich untersuchen und klinisch belegen.
Wie ist es, am Fuße der Krimmler Wasserfälle zu stehen?
Der Boden bebt unter den Füßen. Das Wasser tost, rauscht, zischt und brummt. Das komplexe psychoakustische Erlebnis ist alles andere als entspannend – man kann sich ihm kaum entziehen. Es regt die Sinne an und aktiviert den Körper. Man steht in einem feinen Sprühnebel, der dich einhüllt wie ein kühlender Windhauch.
Was macht die Wasserfälle aus gesundheitlicher Sicht so besonders?
Der Sprühnebel wirkt wie eine Aerosol-Inhalationstherapie, die uns die Natur schenkt. Zusammen mit der Luft hier, die nahezu feinstaub- und pollenfrei ist, ergibt sich eine ‚Medizin‘, die unsere Gäst:innen einfach nur einatmen müssen.
Der feine Sprühnebel der Wasserfälle steht im Mittelpunkt Ihrer Therapie. Wie wirkt er auf die Atemwege?
Beim Aufprall des Wassers auf die Felsen zerbersten die Tropfen in ultrafeine, negativ geladene Partikel, sogenannte Nano-Aerosole, die im Schnitt 50 Nanometer (1 Nanometer = 1 Milliardstel Meter) messen. Sie bilden den Sprühnebel.
Schon innerhalb der ersten zehn Minuten im Nahbereich der Krimmler Wasserfälle führt das Einatmen des feinen Sprühnebels nachweislich zu einer vertieften Atmung.
Mit jedem Atemzug gelangen die Aerosole in die oberen Atemwege, die so befeuchtet und gereinigt werden. Davon profitieren insbesondere Menschen mit Allergien, Atemwegsbeschwerden und
-erkrankungen wie allergischem Asthma und COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease). Die positive Wirkung entsteht, weil die Aerosole etwa zweihundertmal kleiner als die Tropfen eines herkömmlichen Asthmasprays sind. Sie dringen tiefer vor und verbessern die Belüftung der Lunge und damit die Sauerstoffversorgung des Körpers – messbar unter anderem an einer höheren Sauerstoffsättigung im Blut.
Bei einer Stunde Aufenthalt bei den Wasserfällen dringt die Wirkung der Aerosole über das Lungenepithel bis zu den blutbildenden Zellen im Knochenmark vor, was die Blutbildung verbessert. Zudem kommt es zu einem positiven Effekt auf allergische Entzündungsvorgänge in den Atemwegen.
Doch das ist noch nicht alles: Die Wasserfalltherapie regt auch den Teil des vegetativen Nervensystems an, der für Entspannung sorgt: Das Zusammenspiel von Herz und Lunge verbessert sich, der Herzschlag wird langsamer – und es kommt zu einer tiefen Entspannung.
Die Wirkung dieser Therapie wurde wissenschaftlich untersucht. Zu welchen Ergebnissen kamen Sie und Ihr Team an der Paracelsus Medizinische Universität Salzburg?
Wir erforschen die gesundheitlichen Effekte der Wasserfalltherapie seit Jahren in randomisierten kontrollierten klinischen Studien. Beispielsweise konnten wir deutliche Verbesserungen bei allergischem Asthma belegen, unter anderem eine Beschwerdefreiheit von mindestens vier Monaten.
Besonders spannend ist Ihre neue randomisierte, kontrollierte, klinische Studie zu COPD. Was haben Sie über die Wirkung einer naturbasierten Therapie bei Menschen mit dieser chronischen Lungenerkrankung herausgefunden?
Unsere aktuelle Untersuchung zeigt zum ersten Mal messbare Effekte einer naturbasierten Therapie bei Patienten, die an COPD der Stadien GOLD I bis III (leichte, moderate und schwere Symptome) leiden.
Wir untersuchten in drei Gruppen (Gruppe 1 – Zwei Wochen naturbasierte Therapie / Wandern in den Nationalparkgemeinden Bramberg und Neukirchen, Gruppe 2 – Naturbasierte Therapie + Krimmler Wasserfälle, Gruppe 3 Kontrollgruppe ohne jegliche Intervention) körperliche Leistungsfähigkeit, Lungenfunktion, Entzündungsparameter und subjektive gesundheitsbezogene Lebensqualität. Unsere Ergebnisse zeigen signifikante Verbesserungen schon nach rund zwei Wochen Aufenthalt. Die Teilnehmenden konnten signifikant und klinische relevant längere Strecken im 6-Minuten-Walk-Test zurücklegen und hatten eine stärkere Atemmuskulatur (exspiratorisch & inspiratorisch) und Diffusionskapazität der Lunge (DLCO) als die Kontrollgruppe. Auch die Natur-Gruppe ohne Wasserfall profitiert vom aktiven Wandern im Nationalpark Hohe Tauern – aber nicht so rasch und in manchen Parametern signifikant geringer, als die Kombinationstherapie Wandern plus Wasserfall. Der therapeutische Effekt hält auch hier bei vielen über mehrere Monate an.
Die Therapie besteht nicht nur aus dem Aufenthalt am Wasserfall. Welche weiteren Elemente gehören zum Konzept naturbasierter Therapien?
Unser Konzept nutzt alles, was der alpine Raum uns hier bietet: den Sprühnebel der Wasserfälle, die saubere Höhenluft, die alpine Landschaft des Nationalparks Hohe Tauern. Wir kombinieren den täglichen Aufenthalt am Wasserfall, wo geschulte Therapeut:innen Atemtechniken vermitteln und Infotafeln eine zusätzliche Anleitung bieten, mit gezielter Bewegung. Körperliche Aktivität wie Wandern ist bei vielen Erkrankungen ein Panacea – ein Allheilmittel: Denn es gibt keine mentale oder körperliche Erkrankung, wo sie nicht hilft. Allein die vier Kilometer unseres alpinen Weges zum Wasserfall stellen eine Wanderung dar, die Muskeln stärken und die Herz-Lungen Fitness verbessern. Geboten werden zudem geführte Wanderungen in unterschiedlichen Belastungsstufen, E-Bike-Touren, therapeutisches Waldbaden und Yoga in Wasserfallnähe. Die Hotels im Umkreis der Wasserfälle, mit denen wir zusammenarbeiten, bieten speziell für allergische und asthmatische Gäst:innen optimierte Zimmer.
Für wen eignet sich die Therapie besonders? Wie lange sollte man idealerweise bleiben, um einen spürbaren Effekt zu erzielen?
Naturbasierte Therapien an den Krimmler Wasserfällen und in den umliegenden Nationalparkgemeinden Bramberg und Neukirchen sind für jede:n ein Gesundheitsbooster – insbesondere jedoch für Kinder und Erwachsene mit allergischem Asthma sowie COPD der Stadien GOLD I, II und III. Nachhaltige Effekte der Therapie zeigen sich erwiesenermaßen ab etwa zehn Tagen – wir raten daher zu zwei bis drei Wochen Aufenthalt.
Wir befinden uns hoch in den Alpen, der Wasserfall gefriert daher im Winter regelmäßig. Deshalb geht die Wasserfall-Therapiesaison von Mitte Mai bis Ende September. Was nicht heißen soll, dass sich ein Besuch des Nationalparks Hohe Tauern nicht auch im Winter lohnt – wer alpinen Wintersport betreiben möchte, findet hier beste Bedingungen dafür.
Was sollten Menschen mit Atemwegserkrankungen über diese naturbasierte Therapie wissen?
Wenn das Atmen schwer und schwerer fällt, neigen Betroffene dazu, ihren Bewegungsradius massiv einzuschränken, um sich zu entlasten. Damit nehmen sie sich jedoch selbst das Mittel, das ihnen dienlich wäre: Bewegung. Es muss nicht einmal unser Nationalpark mit seinem Angebot an naturbasierter Therapie sein – auch jeder Gang in den nächstgelegenen Park hilft. Natur ist ein wundervoller Stimulus und eine Quelle des Glücksgefühls. Genießt man das in einer Gruppe, ist der Effekt oft sogar noch größer.