Warum eine Pneumokokken-Schutzimpfung nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz schützt, erklärt Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie an der Klinik Floridsdorf, im Interview.

Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour
© Marco Sommer
Vorstand der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie an der Klinik Floridsdorf
Was sind Pneumokokken? Welche Erkrankungen können sie auslösen?
Pneumokokken sind Bakterien der Art Streptococcus pneumoniae, die von Geburt an die oberen Atemwege – Nase, Nasennebenhöhlen, Mundhöhle, Rachen und Kehlkopf – besiedeln. Sie sind Teil des dortigen natürlichen Mikrobioms. Immunkompetenten Menschen mit einem voll funktionstüchtigen Immunsystem machen Pneumokokken in der Regel keine Probleme. Doch die körpereigenen Abwehrkräfte bilden sich erst in den ersten Lebensjahren heraus – und werden im Alter wieder schwächer. Das ist der Grund, warum Pneumokokken im Kleinkindalter und bei Älteren bakterielle Erkrankungen verursachen können. Bei Kleinkindern kommt es oft zu Entzündungen des Mittelohrs, der Gehirnhaut (Meningitis) und der Nasennebenhöhlen (Sinusitis).
Mit Blick auf die zweite Lebenshälfte zählen Pneumokokken zu den häufigsten Ursachen von Lungenentzündungen (Pneumonien). Wir verzeichnen in Österreich jährlich etwa dreißig- bis vierzigtausend schwere Pneumonien, die die Betroffenen ins Spital bringen. Davon sind 15 bis 20 Prozent, also bis zu 8.000 Fälle, von Pneumokokken verursacht.
Warum sind Pneumokokken für ältere Menschen ein Thema?
Wie bereits erwähnt: Ab ca. 50 Jahren wird unser Immunsystem zunehmend schwächer. Das heißt, die Abwehrreaktion auf Erreger wird langsamer und verliert zugleich an Wirkung. Infolgedessen verlaufen Infektionen oft stärker.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich mit dem Alter – insbesondere in Wohlstandsgesellschaften wie der unseren – sogenannte Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Asthma und COPD sowie Übergewicht, Herz-Kreislauf- und rheumatische Erkrankungen chronifizieren. Auch diese schwächen die Immunabwehr. Dasselbe gilt für Alkohol- und Nikotinkonsum. Gerade Letzteres schädigt die natürliche Abwehrkraft der Schleimhäute in den oberen Atemwegen, sodass Pneumokokken und andere Bakterien ein leichteres Spiel haben.
Warum unterschätzen viele das Risiko? Welche Warnzeichen sollten ältere Menschen ernst nehmen?
Viele bewerten Risikofaktoren wie das Alter und auch die Gefahr, die von Pneumokokken für die Lungengesundheit ausgeht, realistisch. Sie unterschätzen aber den Risikofaktor Herz-Kreislauf-Erkrankung und die Gefahr für die Herzgesundheit*.
Warnzeichen für eine von Pneumokokken verursachte Lungenentzündung sind: Fieber, Husten, Auswurf, (blutige) Schleimbildung und Kurzatmigkeit. Wobei in hohem Alter die Abgrenzung der Beschwerden unklarer wird: Über 80-Jährige haben selten Fieber, dafür sind sie eher abgeschlagen und appetitlos.
Wie können wir uns schützen?
Sinnvoll ist die Pneumokokken-Schutzimpfung. Leider nimmt bislang nur knapp ein Fünftel der über 55-Jährigen* diese Maßnahme in Anspruch.
Ab welchem Alter empfehlen Sie die Impfung? Was bringt sie konkret?
Ab 50 bildet eine Pneumokokken-Schutzimpfung den besten Schutz gegen schwer verlaufende Lungenentzündungen. Da der Impfschutz mit der Zeit jedoch nachlässt, ist alle fünf bis zehn Jahre eine Auffrischung erforderlich.
Von Vorteil ist, dass die Impfung einen ‚kollateralen‘ Nutzen hat: Es kommt grundsätzlich seltener zu schweren Infektionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt und Schlaganfall – insbesondere in den ein bis drei Monaten nach schweren Lungenentzündungen, in denen solche Ereignisse ohne Impfschutz häufig auftreten. Die Impfpraxis zeigt: Eine Pneumokokken-Schutzimpfung schützt Lungen und Herz.
Viele sind schon gegen Grippe und/oder COVID-19 geimpft. Lassen sich die Impfungen mit der Pneumokokken-Schutzimpfung kombinieren?
Ja, das ist möglich.
Welche Möglichkeiten gibt es für ältere Menschen, oder Risikopatient:innen ab 18 Jahren, um eine Impfung zu bekommen?
Geimpft wird einerseits von Hausärzt:innen und Fachärzt:innen. Die Kolleg:innen können sich den Impfstoff im Rahmen des nationalen Impfprogramms von der Bundesbeschaffungsbehörde kostenfrei in die Praxen liefern lassen und somit die Impfung verabreichen. Andererseits gibt es auch landesweit öffentliche Impfstellen.
Die Pneumokokken-Impfung ist für Personen über 60 Jahre sowie Risikopatienten und Risikopatientinnen ab 18 Jahren kostenlos – sprechen Sie mit Ihrem Arzt bzw. Ihrer Ärztin.
*Befragung zur Bekanntheit von Pneumokokken und den Folgen einer Infektion. Eine Studie im Auftrag der Österreichischen Lungenunion (27. Mai 2024)