Paul Pizzera, 37, Kabarettist, Musiker und Autor, spricht im Interview über mentale Gesundheit und warum es insbesondere Männern schwerfällt, sich professionelle Hilfe zu holen, wenn ihre Seele leidet. Paul teilt mit uns seine Erfahrungen mit Psychotherapie, um die Angst vor diesem ersten Schritt zu nehmen.
Ich bin der Letzte, der sagt, dass jede:r eine Therapie braucht. Doch schaden tut sie sicher keiner:m.

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Paul Pizzera
Paul, du beobachtest deine Mitmenschen als Kabarettist, Musiker, Autor. Wenn du sie als Gruppe auf die Couch legst – was ist deine Diagnose?
Das würde ich nie wagen, ich bin ja kein Therapeut. Und das ist auch nicht meine Mission: Mir geht es vielmehr darum, den Menschen, die in Sachen Mental Health Hilfe brauchen, ans Herz zu legen, sich diese auch zu holen. Ich weiß, das ist schwer – mensch sollte sich das nicht noch schwerer machen: Jede:r sollte internalisieren, dass es keine Schwäche ist, sich einzugestehen, dass professionelle Hilfe nötig ist. Im Gegenteil: Das ist stark. Denn eine traurige Seele beweist uns doch, dass die Seele funktioniert.
Warum tun sich Männer noch schwerer als Frauen, in Therapie zu gehen?
Der Erstkontakt zu einer Therapeutin oder einem Therapeuten fällt sicher am schwersten, laut Statistik Männern schwerer als Frauen (Zahlen für Österreich 2021: Frauen 84 Prozent, Männer 79 Prozent1, Anmerkung der Redaktion). Das liegt nach meiner Beobachtung daran, dass Menschen, insbesondere Männer, ungern Teil des Problems sind.
Und das ist auch Ausdruck unserer patriarchalen Gesellschaft, die noch immer auf ein starkes Mannsbild setzt und Gefühle dem vermeintlich ‚schwachen weiblichen Geschlecht‘ überlässt. Dabei erleichtert Feminismus das Leben von Männern – er ist kein Feind, keine unterdrückende Vagina, die uns Männer in die Knie zwingt.
Wer sich ehrlich mit sich selbst und seiner Gefühlswelt auseinandersetzt, wird nicht umhinkommen, sich genau das – zumindest teilweise – eingestehen zu müssen: Mann hat mal Probleme. Frau auch. Das ist zutiefst menschlich. Doch während SIE sich oft mitteilen kann, kann ER es oft nicht. Wir sind Verbindungswesen – es ist ein Trugschluss, dass Männer keine emotionale Verbindung brauchen und Selbstoptimierung der Schlüssel zu ihrer mentalen Gesundheit ist. Im Gegenteil: Das Patriarchat wird hier zur Falle für die Männer selbst. Viele von ihnen fürchten sich sogar davor, genau hinzuschauen.
Ich bin deshalb für ein Re-Phrasing: Statt ‚Ich habe ein Problem‘ könnten wir vielleicht davon sprechen, ‚in einer komplizierten Situation zu stecken‘. Vielleicht würde das den Männern die Scheu nehmen, sich Therapeut:innen anzuvertrauen.
Hinzu kommt, dass wir uns alle im Klaren darüber sein müssen, dass wir persönlich Therapeut:innen völlig wurscht sind. Die Profis haben keine fertigen Lösungen für deine ‚problematische Situation‘. Sie begleiten dich, wenn du dich reflektierst, wenn du dich fragst, wer du sein und wie du leben willst, wenn du dir deine Fragen selbst beantwortest. Mir hat das sehr geholfen.
Sich professionelle Hilfe zu holen, ist für mich ein Akt der Selbstliebe. Grundsätzlich rate ich zu der Überlegung, ob mensch es sich nicht wert ist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und wenn das Argument Selbstwertschätzung nicht zieht, dann hilft vielleicht der Blick auf die Menschen um uns herum: Für die Liebe, die mensch für andere empfindet, lohnt es sich, an sich selbst zu arbeiten, um eine bessere Version zu werden. Mir fällt da immer Kierkegaards Satz ‚Wehmütig grüßt der, der ich bin, den, der ich sein möchte‘ ein.
Und ganz wichtig: Natürlich ist Seelenarbeit anstrengend, das ist ähnlich wie mit Muskelarbeit. Aber wer den Muskel- aka Seelenkater aushält, geht gestärkt daraus hervor.
Warum liegt dir die mentale Gesundheit deiner Mitmenschen so sehr am Herzen?
Zum einen habe ich selbst erlebt, wie es sich anfühlt, wenn die Seele mal krank ist. Und zum anderen kenne ich die Statistiken: In Österreich liegt die Zahl der Suizidtoten um mehr als das Dreifache über der der Verkehrstoten (2024: 349 Verkehrstote2, 2024: 1.219 Suizide3, Anmerkung der Redaktion). Die Zahl der Suizide allein ist mir Anlass genug, mentale Gesundheit zu thematisieren. Denn sie steht für Frauen und Männer, die keinen Ausweg mehr sahen.
Du bist mit 27 Jahren in Therapie gegangen. Wann war der Moment, wo du gemerkt hast: Das bekomme ich alleine nicht hin?
Ich hatte damals alles – im Außen. Doch in mir machte sich eine absolute Lustlosigkeit breit. Mit der Zeit funktionierte ich nur noch. Ich erledigte meine Arbeit – ich hatte viel zu tun – doch es fühlte sich nach nichts an. Mir fehlte der innere Antrieb, ich fühlte mich leer und irgendwie nicht mehr lebendig. Ich hatte Angst, nicht mehr kreativ sein zu können. Ich fürchtete, dass nur ich das Arschloch bin und nicht alle anderen. Als selbst tiefgründige Gespräche mit Freund:innen und meiner Mama mich aus diesem Gefühlsloch nicht rauszuholen vermochten, wusste ich, dass ich professionelle Hilfe brauchte.
Es stimmt nämlich ganz und gar nicht, dass Männer sich eine Therapie sparen können, wenn sie nur einen Freund haben und Bier trinken. Selbst die größte Nähe ersetzt keine Therapie.
Und ich nutze die Therapie bis heute immer wieder sporadisch – wie eine Art Urlaub für die Seele. Indem ich meinen Ballast bei Profis lasse, mache ich mir mein Leben leichter.
Du näherst dich dem Thema mentale Gesundheit, auch dem Thema Suizid, mit Humor –funktioniert das?
Ich erwische natürlich nicht alle. Aber wenn mein Beispiel die eine oder den anderen dazu bewegt, sich Hilfe zu holen, anstatt sich umzubringen – dann ist mir jedes Mittel recht. Und Humor kann ich, das ist mein Weg, das Thema anzufliegen.
Du sagst, dass Erdulden nichts mit Stärke zu tun hat. Was sagst du einem Mann, der gerade mental leidet?
Ich kann nur jeder:m raten, hinzufühlen. ‚Alles, was du fühlst, darfst du fühlen. Du musst uns nichts vorspielen.‘ Und dann würde ich schauen und Fragen stellen wie: ‚Hast du schon mal daran gedacht, professionelle Hilfe anzunehmen, zum Beispiel eine Supervision, ein Coaching, eine Therapie?‘ Ich möchte, dass es dem Menschen besser geht, dass er lernt, auf sich zu schauen. Er muss verstehen, dass er sich auch im tiefen Tal eine Räuberleiter bauen kann.
Du schreibst am nächsten Buch. Was hat es mit dem Titel „Die Angst vor dem schönen Leben“ auf sich?
Als ich Goethes Worte las, dass nichts schwerer zu ertragen ist, als eine Reihe von guten Tagen, kam ich davon nicht mehr los. Das Paradoxe ist doch, dass wir auf der einen Seite Zugang zu einem schönen Leben haben – und auf der anderen Seite zugleich von Angst getrieben sind. Angesichts von etwas Schönem kommen vielen gleich abwertende Gedanken wie ‚Das hab‘ ich nicht verdient‘ oder dieses mulmige Gefühl, dass nach so viel Schönem ganz sicher gleich etwas Schlechtes folgen wird – á la: Dem Kind geht’s gut, im Job läuft’s – jetzt kommt bestimmt gleich der Lungenkrebs.
Und das ist schade. Denn damit machen wir es uns selbst schwer. Mit nur ein bisschen (mehr) Mut zur Selbstwahrnehmung und Selbstliebe kämen viele dagegen an – und könnten das Schöne in ihrem Leben wertschätzen.
Depressionen – Darüber reden, statt alles mit sich selbst auszumachen
Depression ist keine Schwäche. Und sie sieht nicht immer nach Traurigkeit aus. Sie kann jeden Menschen treffen, unabhängig von Alter oder Geschlecht. Neben Niedergeschlagenheit können sich Depressionen auch durch Gereiztheit, Wut, Rückzug, Erschöpfung, Schlaf- oder Konzentrationsprobleme, Ängste, innere Leere oder den Verlust von Freude und Interesse zeigen.
Das Tabu
„Reiß dich zusammen“, „Das wird schon wieder“ oder das Gefühl, alles alleine schaffen zu müssen, können dazu führen, dass Betroffene ihre Beschwerden lange verbergen oder sich keine Hilfe holen. Auch Angst und die Sorge, nicht verstanden oder als schwach wahrgenommen zu werden, können dazu beitragen, dass Betroffene nicht über ihre Belastung sprechen. Dabei gilt: Eine Depression ist eine Erkrankung und kein persönliches Versagen. Sie kann behandelt werden.
Alkohol & Sexualität
Manche Menschen versuchen, mit Alkohol oder anderen Strategien ihre Belastung zu verdrängen oder auszuhalten. Was kurzfristig entlasten kann, kann langfristig depressive Beschwerden verstärken. Auch die Sexualität kann sich verändern: Weniger Lust, Schwierigkeiten mit Erregung oder Erektion, Schmerzen, weniger Interesse an Nähe oder ein verändertes Bedürfnis nach Intimität können mit psychischer Belastung zusammenhängen.
Aktiv werden
Du erkennst dich selbst wieder oder bemerkst Veränderungen bei einem Menschen in deinem Umfeld? Hinschauen. Nachfragen. Zuhören. Hilfe holen. Ein erster Satz kann sein: „Ich merke, dass es dir gerade nicht gut geht. Wie kann ich dich unterstützen?“
Depressionen sind eine Erkrankung, keine Charakterschwäche. Darüber zu sprechen ist kein Versagen, sondern ein wichtiger Schritt.
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1https://link.springer.com/article/10.1007/s00278-021-00523-4
2https://infothek.bmimi.gv.at/verkehrstote-oesterreich-2024/
3https://www.sozialministerium.gv.at/Themen/Gesundheit/Nicht-uebertragbare-Krankheiten/Psychische-Gesundheit/Suizid-und-Suizidpr%C3%A4vention-SUPRA.html