Wir müssen dringend über Männergesundheit reden. Univ.-Prof. Dr. Shahrokh F. Shariat, Leiter der Universitätsklinik für Urologie am AKH Wien und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie, liefert Zahlen und Fakten, die diese Forderung untermauern, – und eine Vorsorgestrategie, die die Männergesundheit verbessern kann.

Prof. DDr. (mult.hc.) Shahrokh F. Shariat
© feelimage – matern
Professor der Urologie,
Head des Comprehensive Cancer Center an der MedUni Wien,
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie,
Präsident der Central European Urological Society (CEUS)
Warum müssen wir über Männergesundheit sprechen, Prof. Shariat?
Die Awareness zu diesem Thema ist so wichtig, weil Männer
- ihre Lebenszeit kranker verbringen
- mit im Durchschnitt 78,8 Jahren fünf Jahre kürzer leben als Frauen
- häufiger an den zehn verbreitetsten Todesursachen weltweit sterben als Frauen.
Außerdem begehen fünfmal mehr Männer als Frauen Suizid; Herzerkrankungen treten bei Männern nicht nur häufiger auf als bei Frauen, sondern auch früher. Diabetes ist bei Männern verbreiteter; ebenso Verletzungen – die meisten davon berufsbedingt. Männer erhalten darüber hinaus häufiger eine Unisex-Krebsdiagnose und sterben auch häufiger daran.
Warum ist es um die Gesundheit der Männer generell schlechter bestellt?
Männer leben ungesünder: Sie rauchen häufiger, sie trinken deutlich mehr Alkohol und sie ernähren sich ungesünder als Frauen. Wir wissen heute, dass von den fünf Jahren, die Männer Frauen gegenüber weniger haben, nur ein Jahr Lebenszeit biologisch begründet ist: Vier Jahre verlieren Männer wegen ihres Lifestyles. Das bedeutet jedoch im Umkehrschluss: Mit Veränderungen desselben ließe sich die Lücke nahezu schließen!
Der Gender Health Gap bekommt damit eine ganz neue Bedeutung …
Stimmt. Es ist deshalb von Relevanz, sich die Ursachen für die schlechtere Gesundheit von Männern näher anzuschauen: Ich sehe da zum einen die im Durchschnitt geringere (Gesundheits-)Bildung von Männern und zum anderen das über Jahrhunderte vom Patriarchat reproduzierte Männerbild, demzufolge das Zeigen von Gefühlen unmännlich ist. Männer kennen hier auch keinen Schmerz. Das ist toxische Maskulinität, die zu ungesunden Coping-Strategien führt: Ärger, der sich auch tätlich äußert, Missbrauch von Drogen, Einsamkeit etc.
Sie erwähnten eingangs Krebsdiagnosen, die sowohl Männer als auch Frauen betreffen. Doch welcher Krebs ist typisch Mann?
Ganz klar: Prostatakrebs. Dieser ist in Österreich inzwischen der am häufigsten diagnostizierte Krebs überhaupt – Tendenz steigend. Wir erwarten künftig sogar eine weltweite Prostatakrebswelle: Die Zahl der jährlichen Diagnosen von 1 bis 4 Millionen im Jahr 2020 wird sich 2040 auf 2 bis 9 Millionen verdoppeln.
Welche Rolle spielt Vorsorge für Männergesundheit, welche für Frauen?
Vorsorge sollte für Männer eine genauso wichtige Rolle spielen wie für Frauen. Tut sie aber aktuell nicht. Im Gegenzug ist die Frauengesundheitsvorsorge mit der Verbreitung der Antibabypille stark gewachsen, auch wenn ihre Akzeptanz inzwischen wieder sinkt. Das entsprechende Rezept führt Frauen regelmäßig in die ärztliche Praxis. Aus diesen Gründen sind ärztliche Besuche und die teils unangenehmen Untersuchungen und Behandlungen für Frauen selbstverständlich. Dieses Selbstverständnis fehlt bei Männern.
Zu welcher Strategie würden Sie Männern also raten?
Männergesundheit würde sich allein mit dem regelmäßigen Abnehmen von zwei Biomarkern erheblich verbessern: Testosteronwert und PSA für das Prostatakarzinom-Screening. Die Anteile des männlichen Sexualhormons Testosteron sinken mit dem Alter. Das verursacht vielfältige Gesundheitsprobleme, die Männer zum ärztlichen Besuch bewegen – doch meist erst dann, wenn sie sich schon sichtlich manifestiert haben: in Form von verringerter Vitalität, Knochendichte und Libido, Erektions- und Gewichtsproblemen, Schwitzen oder Konzentrationsschwierigkeiten.
Spannend ist, dass ein Fünftel der Männer, die mit ernsthaften Erektionsstörungen zu Ärzt:innen gehen, auch Herzkreislaufprobleme aufweist. Der Zusammenhang ist folgender: Die Blutgefäße im Penis sind noch feiner als jene im Herzen. Eine erektile Dysfunktion tritt deshalb schon 3 bis 6 Jahre vor einer kardiovaskulären Dysfunktion auf. Daher sollte ein Mann ab 45 einmal im Jahr ein Blutbild machen lassen, bei dem unter anderem auch der Testosteronlevel festgestellt wird. Ein Mangel kann einfach ersetzt werden.
Bei den Spermien beobachten wir gerade einen massiven Rückgang: Die Zahl der Spermien in einem Milliliter Samenflüssigkeit hat sich von 101 Millionen (1973) auf 49 Millionen (2018) halbiert. Damit wackelt die Fertilität erheblich. Doch dies ist ein Tabuthema, da es das verbreitete Bild vom ‚potenten Mann‘ schwächt.
Ursächlich für den Spermienrückgang sind nach heutigem Kenntnisstand vor allem Lebensstil und Umweltfaktoren, allem voran Nano- und Mikroplastik sowie Chemikalien wie Phthalate, die hormonell wirken. Das sind Dinge, die wir mit entsprechenden Maßnahmen zumindest weniger in die Umwelt entlassen könnten.
Wie ließe sich Prostatakrebs, dem Männerkrebs schlechthin, rechtzeitiger beikommen?
Ein organisiertes, PSA-initiiertes risikoangepasstes Screening würde helfen. Männer müssen dazu wissen, dass die ‚Finger-in-den-Po‘-Untersuchung, die viele vom Prostatacheck abhält, mit diesem PSA-Screening unnötig ist. Anders als beim derzeit praktizierten opportunistischen PSA-Screening würden wir mit einem organisierten Screening weniger PSA-Tests, weniger MRT, weniger Biopsien sowie weniger Überdiagnosen und Überbehandlungen von Tumoren erreichen, die keiner Behandlung (mehr) bedürfen. Zugleich würden wir Prostatakrebs in einem früheren Stadium entdecken und mit nebenwirkungsärmeren und die Lebensqualität weniger beschneidenden Therapien behandeln können.
AT-LYN-00575; 01/2026