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Von Topfengolatschen, Hometrainern und täglichem Selbstbetrug

Gerald Pichowetz
Gerald Pichowetz
© Fotos: GloriaTheater

Seit nunmehr 18 Jahren leidet Gerald Pichowetz an Diabetes. Im Interview erzählt der Schauspieler, welche Bühne Diabetes in seinem Leben bekommt und welche Rolle der innere Schweinhund dabei spielt.

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Gerald Pichowetz

Film- und Theaterschauspieler, Direktion Gloria Theater

Wie wurde bei Ihnen Diabetes diagnostiziert? Oder anders gefragt: Haben Sie damals irgendwelche Symptome verspürt?

Bei mir wurde Diabetes durch einen Bluttest festgestellt. Ich hatte damals sehr hohe Werte und wurde sofort zum Spezialisten geschickt. Diabetes kam bei mir nicht vom Trinken, sondern vom Essen. Ich war ja immer etwas korpulenter und Sport war für mich einfach nur „oje“. Irgendjemand hat mir einmal gesagt, wenn man ins Fitnesscenter geht, entwickelt man eine Sucht dafür. Ich warte heute noch darauf!

Abgesehen davon, dass Diabetes sich als Askese für das persönliche Leben herausstellt, merkt man den Zucker ja nicht! Ich habe viel getrunken, aber das sei doch eh gesund, dachte ich mir. Das wirkliche Problem sind ja die Folgeschäden! Ich bin auf Medikamente eingestellt, die ich recht brav nehme, aber jetzt nach 18 Jahren wird es schon „happig“.

Warum?

Sie dürfen nicht vergessen: Ein Pulver, das Sie für etwas nehmen, schädigt etwas anderes. Durch meine Mediakamente sind die Nieren geschädigt worden. Die Warnkontrollleuchte ist permanent an. Abhilfe dagegen zu schaffen, funktioniert nur mit eiserner Disziplin – und die hab ich nicht immer. Man muss den inneren Schweinehund besiegen!

Damit geht auch eine Änderung seines Lebenswandels einher. Das ist in unserem Beruf als Schauspieler schwierig, weil man keinen geregelten Tagesablauf hat.

Wie managen Sie Diabetes in Ihrem abwechslungsreichen Tagesablauf?

Mein morgendlicher Ablauf beginnt immer gleich: Gewichts-, Zucker- und Blutdruckkontrolle. Als Diabetiker ist es wesentlich, dass man frühstückt. Sonst passiert schon der erste Fehler! Denn was esse ich denn ansonsten so zwischendurch? In den Probenpausen ist vielleicht gegenüber eine Fleischhauerei oder eine Bäckerei und schon hat man die erste Topfengolatsche oder Leberkäsesemmel in der Hand.

Wenn Sie eine vorgeschriebene Diät halten sollten, dann wird zwar eine einmalige Abweichung kein Problem darstellen, aber wenn das tagtäglich passiert, sehr wohl. Und dagegen helfen auch die besten Pulverln nix.

Haben Sie in den letzten Jahren gelernt, besser auf Ihren Körper zu hören?

Naja, das ist ja mein Problem! Manchmal höre ich sehr gut auf ihn, manchmal gar nicht. Mittlerweile bin ich in der Situation, dass ich auf meinen Körper hören muss, sonst wird bald einmal gar nichts mehr gehen. Früher oder später greift Diabetes den Körper massiv an und auf einmal werde ich medizinisch behandelt wie ein 85-Jähriger, obwohl ich erst 53 Jahre alt bin. Aber das medizinische Alter ist schon sehr viel weiter fortgeschritten, als man glauben mag.

Wir bewegen uns heute nicht mehr so viel wie früher. Ich hab ihn zwar noch nicht, kann aber jedem nur empfehlen: Kauft euch einen Hund, denn dann müssen Sie gehen!

Inwiefern ist die Umstellung der Lebensgewohnheiten auch Kopfsache?

Ja, da fängt ja alles an! Von der Ärzteschaft ist man es gewohnt, dass man eine Krankheit diagnostiziert bekommt, dagegen Tabletten nimmt und sich diese gut einteilen muss. Aber was ist, wenn Sie nicht selber dahinter sind – gerade bei Diabetes? Nur Sie selber sind für sich verantwortlich!

Und damit wären wir auch schon beim Stichwort Selbstmanagement!

Richtig! Denn alles andere wäre Selbstbetrug. Wenn man sich denkt, naja, in der Konditorei lasse ich heute den Schlagobers weg, aber den Cremekrapfen und die Sachertorte esse ich trotzdem. Dafür werden Sie eines Tages büßen! Ich hatte zu meiner „besten“ Zeit 150 Kilo, dann 45 Kilo abgenommen, anschließend wieder zu und jetzt muss ich neuerlich Diät betreiben.

Das heißt der Schlüssel für Ihre persönliche Diabetes-Therapie ist die richtige Ernährung?

Genau – Ernährung und Bewegung! Woher kommt denn Diabetes Typ 2? Das hängt ganz stark mit dem Lebenswandel zusammen. Wir bewegen uns heute nicht mehr so viel wie früher. Ich hab ihn zwar noch nicht, kann aber jedem nur empfehlen: Kauft euch einen Hund, denn dann müssen Sie gehen! Ich weiß ja, dass jeder Hometrainer, der zu Hause herumsteht, ein hervorragender Kleiderständer ist, aber ein wirklicher Trainer ist er halt nicht …

Wie versuchen Sie, sich für die so wichtige Bewegung zu motivieren?

Als ich bei Dancing Stars teilgenommen habe, war ich jeden Tag im Fitnessstudio. Aber sobald ich die Show verlassen habe, war auch die Motivation weg. Und genau das habe ich jetzt wieder im „G’nack“, weil ich danach gar nichts mehr gemacht habe. Ich freue mich jetzt schon auf den Frühling, denn dann werde ich mich wieder auf das Rad schwingen.

Eine Bewegung, die ich allen wirklich nur empfehlen kann, ist Unterwassergymnastik – gerade für SeniorInnen. Jaja, ich weiß, ich rede schon wie mit 70 Jahren!

Welche persönlichen Tipps haben Sie für andere Menschen mit Diabetes?

Diabetes ist ein Leiden, das man nicht spürt und das nur mit Ernährung und Bewegung in den Griff zu bekommen ist. Ich kann jedem nur empfehlen, den Selbstbetrug, den nahezu jeder heute macht, aufzugeben. Jeder muss für sich selber entscheiden und wissen, wie er oder sie damit am besten umgeht. Als DiabetikerIn muss man sich permanent erklären, denn viele Menschen nehmen Diabetes nicht unbedingt als Krankheit wahr. Dabei ist Diabetes mittlerweile wirklich die Volkskrankheit Nummer 1!

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