Der Augenarzt Prim. Univ.-Prof. Dr. Matthias Bolz, Vorstand der Klinik für Augenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum und Augenarzt im neuen Augenzentrum Neusicht in Linz, erklärt, wie sich eine neovaskuläre (feuchte) altersbedingte Makuladegeneration (nAMD) entwickelt und chronifiziert, mit welchen Symptomen sie sich zeigt, wie sie diagnostiziert und therapiert wird – und wovon der Therapieerfolg abhängt.

Prim. Univ.-Prof. Dr. Matthias Bolz
Vorstand der Klinik für Augenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum und Augenarzt im neuen Augenzentrum Neusicht in Linz
© Andreas Balon
Was passiert bei einer nAMD im Auge – und warum sehen viele Betroffene zuerst verzerrt oder unscharf?
Die Netzhaut (Retina) ist eine Gewebeschicht im hinteren Teil des Auges. Sie wandelt Licht in elektrische Signale um und leitet diese ans Gehirn weiter, damit wir sehen können. Die Netzhaut besteht aus lichtempfindlichen Zellen, den Fotorezeptoren. Die Netzhautmitte, auch Makula oder Gelber Fleck genannt, ist sehr dicht mit solchen ‚Sehzellen‘ besetzt und gilt deshalb auch als Punkt des schärfsten Sehens (Fovea centralis). Sie ist dafür verantwortlich, dass wir lesen, Gesichter und Feinheiten erkennen sowie Farben unterscheiden können.
Im Zuge des natürlichen Alterns wird auch die Netzhaut älter – sie degeneriert. Die Netzhautschichten werden während der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) dünner, der Stoffwechsel, insbesondere die Sauerstoffversorgung, wird schwächer. Infolgedessen kommt es zu Ablagerungen von Fetten und Eiweißen, den sogenannten Drusen. Davon merkt man nichts.
Erst, wenn sich als Reaktion auf die Unterversorgung mit Sauerstoff neue Blutgefäße bilden, die teils auch in die Makula sprießen, kommt es dort zu Schwellungen und mitunter Einblutungen. Bei dieser sogenannten feuchten Form der AMD (neovaskuläre AMD, nAMD) verschlechtert sich innerhalb weniger Tage das Sehen spürbar – gerade Linien erscheinen plötzlich verzerrt, Gesichter unscharf, Buchstaben verschwimmen. Schreitet die Erkrankung unbehandelt voran, sterben die Sehzellen der Makula ab. Die Betroffenen verlieren damit ihre zentrale Sehschärfe vollständig – sie sehen dann nur noch einen schwarzen Fleck im Sichtfeld.
Entwickelt sich jede altersbedingte Makuladegeneration zu einer nAMD?
Nein. Von den Patient:innen, die eine späte Form der AMD entwickeln, leidet der Großteil an der sogenannten trockenen AMD. Diese führt langsam, über Monate und Jahre, zum Verlust der Sehkraft. Nur 10 bis 15 Prozent der AMD-Patient:innen haben die aggressivere nAMD.
Welche frühen Warnzeichen sollte man ernst nehmen, damit die Erkrankung möglichst schnell erkannt wird?
Eine AMD schleicht sich unbemerkt ein – Betroffene selbst können frühe Anzeichen kaum erkennen. Sie bemerken zuerst meist die bereits beschriebenen Verschlechterungen des Sehens. Aber: Wir Augenärzt:innen können dank moderner Geräte die Ablagerungen unter der Netzhaut und die Neubildung von Blutgefäßen schon frühzeitig ausmachen: Deshalb ist es mehr als ratsam, sich ab 45 Jahren regelmäßig, am besten einmal im Jahr, in einer augenärztlichen Praxis vorzustellen und die Netzhaut untersuchen zu lassen.
Wie wird eine nAMD diagnostiziert?
Mit Patient:innen, die mit den geschilderten, plötzlich auftretenden Sehproblemen zu uns kommen, machen wir zunächst einen Sehtest. Zudem haben wir mehrere berührungsfreie Möglichkeiten, um die Netzhaut zu untersuchen:
- Bei der optischen Kohärenztomographie (OCT) fertigen wir mittels eines Infrarotlasers ein 3D-Bild der Netzhaut an.
- Die digitale Spezialkamera, mit der die sogenannte Fundusuntersuchung erfolgt, liefert Fotos von peripheren Bereichen der Netzhaut.
- Und die Fluoreszein-Angiografie stellt die Netzhautgefäße dar, aus denen gegebenenfalls Flüssigkeit austritt.
Für manche der Untersuchungen müssen wir die Pupillen der Patient:innen vorab mit Augentropfen erweitern.
Was bedeutet die Diagnose nAMD für Patient:innen – und kann die Erkrankung zu einer vollständigen Erblindung führen?
Die nAMD ist eine chronische Erkrankung, die noch nicht heilbar ist. Patient:innen müssen jedoch wissen, dass die richtige Behandlung den Fortschritt der Erkrankung verlangsamen oder sogar stoppen kann. Viele Patient:innen befürchten, dass sie im weiteren Verlauf vollständig erblinden. Diese Angst ist unbegründet, denn typischerweise können Betroffene am äußeren Rand weiterhin sehen und sich so orientieren.
Was ist die IVOM-Behandlung und was sollten Patient:innen über Injektionen, Häufigkeit und Ablauf wissen?
Mit der intravitrealen operativen Medikamenteneingabe (IVOM) injizieren wir bei einer nAMD das passende Medikament direkt ins Auge. Das hat den Vorteil, dass der Wirkstoff vor Ort seine Wirkung entfalten kann. Die Spritze in den Augapfel wirkt schnell und die Schwellungen gehen rasch zurück, sodass sich die Sicht der Patient:innen entsprechend wieder verbessert. Für die Injektion selbst betäuben wir das Auge vorab mit Tropfen, sodass die Patient:innen keinen Schmerz spüren. Das wiederholte Injizieren hinterlässt auch keine Narben. Je nach individuellem Krankheitsbild sind die Intervalle, in denen gespritzt werden muss, unterschiedlich lang – vier Wochen bis zu vier Monate.
Wovon hängt der Erfolg der IVOM ab – und warum ist Termintreue so entscheidend?
Betroffene müssen verstehen, dass die nAMD chronisch verläuft, diese Erkrankung sie also ihr Leben lang begleiten wird. Die Therapie wirkt sehr gut, vorausgesetzt, die Patient:innen bleiben am Ball – auch wenn das regelmäßige ärztliche Besuche und immer wieder Augenspritzen bedeutet.
Was können Patient:innen tun, um trotz nAMD gut im Alltag zurechtzukommen – und welche Hilfsmittel haben sich bewährt?
- Essen Sie viel grünes Gemüse, wie Salat und Spinat. Denn in dunkelgrünen Lebensmitteln stecken reichlich Lutein und Zeaxanthin. Diese beiden Antioxidantien können die Makula vor Schäden schützen. Zudem liefert grünes Gemüse wichtige ‚Augen-Vitamine‘ wie C, K und B.
- Schützen Sie Ihre Augen vor UV-Licht – tragen Sie Sonnenbrillen mit wirksamem UV-Filter.
- Schreitet die Makuladegeneration voran, gibt es verschiedene Hilfsmittel, die den Alltag mit eingeschränkter Sicht erleichtern, darunter Sehhilfen wie elektronische Lesegeräte, die beim Lesen helfen, und Sprachsteuerungsgeräte sowie Apps, die Text vorlesen. Hinzu kommen praktische Haushaltshelfer wie Tastpunkte an Geräten sowie farbige Behälter.